Black Lives Matter

Münster, den 12. Juni 2020

Jonas ist angetan von Annas Kunstwerken, die sich vor allem mit Krisengebieten, wie der Insel Hart Island, beschäftigen. Gemeinsam diskutieren sie, welche Katastrophensektoren Anna noch bildlich darstellen und vielleicht sogar besuchen könne. Es fällt der Name Tschernobyl, auch Bergamo und Wuhan werden als mögliche Inspirationsquellen genannt. „Um solche Orte in Augenschein nehmen zu können, bedarf es wohl entsprechender Kontakte“, denkt Anna laut. „Das stimmt wohl“, sagt Jonas nickend.

Vom Kulkwitzer See aus flanieren Jonas und Anna in östlicher Richtung, passieren die Grünau-Siedlung, bis sie am Ufer der Weißen Elster ankommen. Vereinzelt nehmen die beiden Demonstrierende wahr, die Schilder mit der Aufschrift „Black Lives Matter“ empor halten. Anna hat sich heute noch nicht über die Nachrichten informiert, für gewöhnlich tut sie dies auf der Internetseite des Guardian. Immer wieder tauchen Demonstranten auf. „Ist etwas passiert?“, fragt Anna Jonas, der ahnungslos mit den Schultern zuckt. Anna googelt den ihr bereits bekannten Slogan „Black Lives Matter“ und stößt sofort auf den Namen George Floyd. „In den USA soll es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen“, teilt Anna Jonas mit, „aufgrund des gewaltsamen Todes eines Schwarzen gehen Menschen aus allen Schichten und Ethnien auf die Straße und demonstrieren gegen Polizeigewalt und gegen die Politik der Regierung.“ „Offenbar ist die Welle auf Europa übergeschwappt“, stellt Jonas fest. „Und in Leipzig gibt es eine gewisse Tradition, was öffentliche Kundgebungen angeht“, bemerkt Anna, „man denke nur einmal an die Proteste vor der Nikolaikirche.“

Lass uns dorthin fahren, um zu sehen, wie viele Menschen endlich gegen Rassismus auf die Straße gehen!“, schlägt Jonas vor. An der Haltestelle Rödelstraße steigen Anna und Jonas in die S-Bahn, um zur nördlich gelegenen Nikolaikirche zu fahren. Je näher sie ihrem Ziel kommen, desto mehr verdichtet sich die Zahl der Demonstranten. „Noch vor wenigen Tagen haben die Leipziger gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung demonstriert, jetzt aber ziehen sie gegen den alltäglichen Rassismus ins Feld. Ich bin ein wenig stolz auf meine Heimatstadt!“, sagt Anna aufgeregt.