Chemtrails

Münster, den 23. Mai 2020

 

„Diese Spinner“, sagt Anna Schien erleichtert, „endlich sind wir den los!“ Ihre Eltern Holger und Emma pflichten ihr bei: „Ja, die meinen, sie könnten die ganze Welt erklären. Was ist aber, wenn diese Leute mit ihren extremen Meinungen gar nicht so falsch liegen würden?“ „Das meinst Du nicht ernst, oder Papa?“, fragt Anna während sie die Stirn runzelt. „Naja“, antwortet Holger, „vielleicht ist Bill Gates tatsächlich ein uraltes Reptil, oder zumindest ein Illuminat!“ Mit einem ironischen Unterton in der Stimme lässt sich Anna auf das Gedankenspiel ihres Vaters ein: „Womöglich wachen die Leute jetzt auf, weil so wenige Flugzeuge am Himmel sind!“ „Wie meinst Du das“, will Emma Schien wissen. „Habt Ihr noch nie von den sogenannten Chemtrails gehört?“ „Nein, bisher noch nicht“, entgegnet die Mutter ihrer Tochter. „Es handelt sich um spezielle Kondensstreifen, die Flugzeuge hinter sich her ziehen. Manch ein Verschwörungstheoretiker behauptet, diese Chemtrails oder Giftwolken versprühten bestimmte Gase in der Luft, mit denen die Bevölkerung ruhig gehalten werde.“ „Ist mir komplett neu“, bemerkt Holger, „aber man lernt nie aus.“ „Und jetzt, wo der Flugverkehr stark eingeschränkt ist, werden die Menschen nicht mehr durch die Gase sediert?“, führt Emma den Gedanken ihrer Tochter zu Ende. „Korrekt“, nickt Anna, „angeblich erwachen die Menschen nun aus ihrem Tiefschlaf und merken, dass etwas nicht stimmt. Aber zum Glück gibt es ja noch das Trinkwasser“, lacht die Studentin. „Ah ja“, schlussfolgert Emma, „und das wird nun mit Beruhigungsmitteln versehen, um die Leute wieder zurück in den Schlaf zu schicken, nicht wahr?“

 

„Ach, ich habe genug von diesen wirren Ideen, es mutet manchmal an, als seien wir zurück ins Mittelalter gekehrt, wo Aberglauben an der Tagesordnung war. Aber in diesen Zeiten erscheinen mir die Verschwörungstheorien viel absurder, als etwa der Hexenglauben oder ähnliches“, erklärt Anna. „Lasst uns etwas Schönes unternehmen, um mal nicht an Corona denken zu müssen“, schlägt Emma Schien ihrem Mann und ihrer Tochter vor. „Gehen wir doch zum Wochenmarkt in Grünau“, zeigt sich Holger begeistert von dem Vorschlag. Die Schiens trinken ihre Kakaos aus, bezahlen die Rechnung und verlassen die Milchbar Pinguin, wo nach und nach Gäste eintrudeln. Anfangs verhielten sich die Restaurantbesucher noch vorsichtig, waren sie doch aufgrund der gelockerten Maßnahmen verunsichert. Niemand wusste genau, was erlaubt war, und was nicht. Heute aber hat sich das Straßenbild in Leipzig verändert. Maskiert nehmen die Kunden das Registrieren ihrer Daten in den Gaststätten und Kaffeehäusern in Kauf. Denn nach einem wochenlangen Lockdown sehnen sie sich nach dem öffentlichen Leben, nach einem Cappuccino in gemütlicher Runde zum Beispiel. Auch Familie Schien beschließt, sich der dolce vita zu widmen und fährt gemeinsam in der Straßenbahn zurück nach Grünau.