Dante und Böcklin

Münster, den 4. Juni 2020

Bis zur Mittagsstunde hat Anna ein Ölbild angefertigt und ein weiteres begonnen. Gelegentlich kam ihre Mutter Emma in Annas zum improvisierten Atelier umfunktioniertes Kinderzimmer, um der Tochter Kaffee und Frühstück zu bringen. Doch Anna ist zu beschäftigt, um überhaupt an Brötchen mit Marmelade denken zu können. Emsig arbeitet sie an einer Hommage an Arnold Böcklin, erschafft sie auf der Leinwand doch ein karges Eiland. Überall an den Wänden hat Anna Computerausdrucke von Fotos aufgehängt. Intensiv studiert sie die Luftaufnahmen von Hart Island, die vermutlich mit einer Drohne aufgenommen worden sind. Anna wählt die Vogelperspektive, um Massengräber und die Totengräber darzustellen. In der Mitte teilt die Malerin ihr Bild, und bildet auf der rechten Seite die Nahaufnahme eines auf Hart Island Bediensteten ab.

So wie in ihrem Traum zeigt Anna den Totengräber einmal von vorne und von hinten. Sein kahler Schädel ist geweißt, er trägt einen gigantischen Zylinder. Seine Physiognomie offenbart Anna in gedeckten Farben, schwarz und weiß. Als lachte die gespenstische Gestalt über die Leichname, grinst sie den Betrachter aus einem Knochengesicht an. Die altertümliche Kopfbedeckung rutscht ihm dabei über die leeren Augenhöhlen.

Anna ist zufrieden mit dem Ergebnis. Nun muss das Gemälde trocknen, da sie aber von Kreativität überwältigt wird, beginnt sie ein weiteres Bild. Diesmal entscheidet sich Anna für ein Porträt Dantes, welches sie mit den Totengräbern von Hart Island sowie Arnold Böcklins Selbstporträt fusionieren möchte. Hierfür vergrößert sie Sandro Botticellis Dante-Bildnis und Böcklins Selbstporträt mit fiedelndem Tod, druckt die Bilder aus, und skizziert mittels Kohlenstift Umrisse auf der Leinwand. Sie entschließt sich, die Bildfläche dreizuteilen, bildet Dante mit Atemschutzmaske und Böcklins Geige spielendes Skelett mit Zylinder ab. Der dritte Teil des Ölgemäldes soll einen der Totengräber aus ihrem Traum zeigen, der sich die skelettierten Finger mit Desinfektionsmittel einreibt.

Zwei Drittel des Werkes stellt Anna noch vor dem Mittagessen fertigt. Danach macht sie ein Nickerchen und lässt Pinsel und Farben vorerst ruhen.