Danteske Träume

Münster, den 31. Mai 2020

 

Emma begleitet ihre Tochter Anna in ihr früheres Kinderzimmer, das die Eltern in einen Arbeitsraum verwandelt haben. An den Wänden hängen noch Zeichnungen und auch Acryl- sowie Ölgemälde, die von der begabten Malerin angefertigt worden sind. Anna, die dem Expressionismus nahesteht, und sich selbst als Neo-Expressionistin bezeichnet, liebt es, Frauenporträts zu malen. Dabei orientiert sie sich an der Filmkunst der 1920er Jahre, „Metropolis“ gehört zu ihren Favoriten. Aber auch afrikanische Masken und das Werk Jean-Michel Basquiats dienen Anna als Vorbilder. Ihre Eltern sind sehr stolz auf Anna, die bei einem berühmten Vertreter der Neuen Leipziger Schule ihr Handwerk gelernt hat, bis sie nach Berlin zog, wo sie ihre Studien fortsetzt. An der Universität der Künste arbeitet Anna hart an ihren Porträts und ist inzwischen Meisterschülerin einer legendären Künstlerin, die auch schon den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig ausstattete.

Annas Kunst basiert zum Großteil auf luziden Träumen. Aus diesem Grunde hat sich die junge Malerin in ihrem Atelier ein Schlafzimmer eingerichtet. Ihr Arbeitsethos sieht es vor, dass Anna mehrmals täglich einschläft, um ihre Träume unmittelbar auf die Leinwände zu werfen. Das gelingt ihr mal besser, und mal weniger gut. Es fällt der Kunststudentin schwer, die Träume eins-zu-eins umzusetzen, und deren Inhalt „einzufangen“, wie sie sagt.

Nach der Abendtoilette begibt sich Anna in ihr altes Bett, das nur 90 Zentimeter breit ist. Noch eben hatten die Schiens über die durch Corona hervorgerufenen Zustände in Amerika diskutiert, und Anna war die Idee gekommen, an Covid-19 Gestorbene zu porträtieren.

In kürzester Zeit gleitet die professionelle Träumerin in den Tiefschlaf, und sie betritt ihre Traumwelt durch ein altertümliches Haus, wie immer. Das Traumsetting ähnelt sich stets, Anna besucht Orte, die sie im Schlaf immer wieder aufsucht. Sie lernt die Geheimnisse dieser Orte kennen, und auch die der Menschen, die dort leben.

Heute Nacht befindet sich Anna an einem ihr unbekannten Ort, einer kargen Insel,  wo schwarz gekleidete, mit weiß geschminkten Gesichtern agierende Totengräber Leichen in die Erde bringen. Die toten Körper sind entweder nackt, oder sie tragen Sträflingskleidung. Im Traum nähert sich Anna den Massengräbern und wirft einen vorsichtigen Blick in die Tiefe. Hier wird sie eines schrecklichen Szenarios gewahr. Menschengroße Würmer tummeln sich in der feuchten Erde, sie reißen ihre Mäuler auf und verschlingen die Leichen. An einem riesigen Bohrer hängen aufgespießte Leiber. Im Traum sagt sich Anna, dass es sich um ein Inferno à la Dante Alighieri handele. Die Totengräber strömen einen penetranten Geruch aus, der schwefelartig erscheint. Allesamt drehen sie Anna den Rücken zu. Als sie sich einem der Männer nähert, und ihm auf die Schulter klopft, dreht er sich um, und offenbart sein Gesicht: Unter der Krampe des schwarzen Zylinders grinst Anna ein Totenkopf an.

Schockiert und nach Luft schnappend, erwacht Anna aus ihrem Albtraum. Sie geht in die Küche und trinkt ein Glas kühlen Leitungswassers. Daraufhin notiert sie den Traum in ihrem Notizbuch, um am nächsten Morgen direkt an die Staffelei zu treten.