Das Pestkreuz

Münster, den 28. März 2020

An der eigentlich äußerst geschäftigen, in Krisenzeiten aber gespenstisch leeren Via del Corso in Rom, liegt die Kirche San Marcello al Corso. Mitte März konnte man Papst Franziskus dabei zusehen, wie er, nur von einigen Leibwachen begleitet, durch die Straßen Roms pilgerte. Sein Ziel war die Kirche San Marcello al Corso, beherbergt sie doch ein mittelalterliches Pestkreuz, das als wundertätig verehrt wird. Während der Pest 1522 war das lebensgroße Abbild des gekreuzigten Jesus in Prozessionen durch Rom getragen worden, bis die Seuche nach sechzehn Tagen abebbte. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hängt das Kreuz in der Kirche San Marcello al Corso und wurde jahrhundertelang jeweils an Gründonnerstag zum Petersdom getragen. So erinnerte man an das Ende der Pest von 1522.

Papst Franziskus schritt durch das menschenleere Rom, um vor dem Pestkreuz zu beten. Gestern, anlässlich der Corona-Krise, spendete der Papst den Sondersegen „Urbi et Orbi“, und zeigte erneut seine tiefe Verehrung für das Kreuz, welches vor dem Petersdom platziert worden war. Normalerweise spendet das katholische Kirchenoberhaupt den Segen nur zu Weihnachten und Ostern, sowie bei besonderen Anlässen wie etwa nach einer Papst-Wahl.

Sakralen Kunstwerken wie jenem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Kruzifix kommt eine nicht zu unterschätzende Wirkung zu. Sie fungieren als Symbole und werden zu einer Projektionsfläche für die Ängste, Hoffnungen und Wünsche der Gläubigen. Insofern ist der Akt, das Pestkreuz ins Zentrum des katholischen Glaubens, des Petersdoms, zu rücken, von hoher symbolischer Bedeutung. Es handelt sich um etwas Konkretes, einen materiellen Gegenstand, der für die Überwindung der mittelalterlichen Epidemie steht, und also Kraft und Hoffnung zu spenden vermag, nicht nur, wenn man daran glaubt.

Auch in Bezug auf profane Kunstwerke wird davon gesprochen, dass sie sich gewissermaßen energetisch aufladen, so esoterisch das auch klingen mag. Und doch ist es wahr: Wenn man sich vor Augen führt, wie etwa Leonardos „Mona Lisa“ im Pariser Louvre täglich von unzähligen Besuchern betrachtet wird, ergibt sich ganz gewiss ein Effekt. Dieser könnte m.E. darin bestehen, dass von dem Gemälde eine Art ekstatische Ausstrahlung ausgeht, dass dieses Meisterwerk von einer Aura, einem Heiligenschein gleich, umgeben ist.

Ähnliches gilt wohl auch für das Pestkreuz von San Marcello al Corso, und deshalb wird es der Papst auch als Symbol gewählt haben. Im Rahmen der eucharistischen Anbetung, die gestern im Fernsehen übertragen wurde, und die streckenweise von der konsequenten, aber anrührenden Stille des Gebets geprägt war, richtete sich Franziskus an Gott, eine für viele Menschen unkonkrete, ungreifbare und schwer zu erreichende Wesenheit. Eben aufgrund dieser Unfassbarkeit eines Allerhöchsten benötigen wir Menschen Symbole. Viele werden sich im Gebet auf das Kruzifix beziehen, steht es doch für Erlösung und Hoffnung.

Auch der menschenleere Petersplatz, auf dem Papst Franziskus den Segen erteilte, stellt ein Symbol dar, ein Zeichen für all die Menschen weltweit, die sich nach Heilung, nach einer Überwindung der Pandemie sehnen. Sakrale Kunstwerke, wie das Kruzifix oder auch die Marien-Ikone der „Salus populi Romani“ („Heil des römischen Volks“), die ebenfalls zum Petersdom gebracht wurde, haben in diesen Tagen die Macht, auf symbolische Weise Heil zu bringen. Für profane Kunst gilt dies natürlich auch. Wenden wir uns also den malerischen, musikalischen, bildhauerischen, literarischen und philosophischen Meisterwerken zu, und gehen für einen Moment lang in uns.

Leonardo da Vinci sagte: „Die bildende Kunst ist von solcher Vortrefflichkeit, dass sie sich nicht nur den Erscheinungen der Natur zuwendet, sondern unendlich viel mehr Erscheinungen, als die Natur hervorbringt.“