Der Besuch der alten Dame

Münster, den 3. April 2020

Winkend steht die alte Dame am Fenster des Wohnraums, ihre beiden Söhne und die Tochter drücken ihre Hände an das kühle Glas und halten den Dackel in die Höhe. Der scheue Hund Acheron, genannt Achie, ist das Ein und Alles der alten Dame, sie freut sich sichtlich über den Besuch. Von ihren Enkeln stammende Zeichnungen überreicht Nelly Bauer ihrer Mutter Clara. Bunte Gesichter, Strichmännchen, eine ovale Sonne und ein Haus mit einem detailliert dargestellten Jägerzaun sind auf den großformatigen Blättern zu erkennen. Claras Enkel haben Wachsmalkreide auf das Papier aufgetragen, um in die mehrschichtige Fläche Striche, Kurven, Wellen zu ritzen.

Clara Bauer bemerkt, wie der maskierte Pfleger seine in einem Silikonhandschuh steckende Hand auf ihre Schulter legt und ihr die Worte ins Ohr sagt, die ihre Kinder durch das dicke Glasfenster rufen. An ihrem Hörgerät nestelnd, vernimmt Clara Folgendes: „Wir sind immer bei dir!“ Achie, der Rauhaardackel läuft aufgeregt vor dem breiten Fenster auf und ab, Clara verfolgt jede seiner Bewegungen, sie will den Vierbeiner herzen und ist im Begriff die Fensterhebel zu betätigen. Behutsam bringt sie der Pfleger von ihrem Vorhaben ab, indem er Claras Aufmerksamkeit erneut auf den Besuch richtet. Nelly kämpft mit den Tränen und auch den Söhnen, Michael und Franz, fällt es schwer, Haltung zu bewahren. Am liebsten würde ihr jüngster Sohn die Mutter mit zu sich nach Hause nehmen. Was aber würde geschehen, wenn auch er sich mit dem Virus infizierte, gehört er doch selbst zur sogenannten Risikogruppe.

Dass Clara und weitere Bewohner des Stifts in den Wohnraum kommen dürfen, um ihren Besuch zu sehen, ist eine Ausnahme. Eigentlich müssen die an Demenz erkrankten Alten in ihren Zimmern bleiben, werden jeweils von individuell zugeordneten Pflegekräften betreut. Ihren Atemschutz legt Clara auf die Fensterbank, bekommt sie doch kaum Luft. Das Anziehen der Einweghandschuhe erwies sich als unmöglich, da Clara dahingehende Versuche des Pflegers unterband. Zurück in ihrem Zimmer, blickt Clara vom ersten Stock aus auf den Vorgarten des Stifts, wo ihre drei Kinder sich verabschieden.

In der Nacht bekommt Clara hohes Fieber, am darauffolgenden Tag dann starken Husten. Der herbeigerufene Arzt sagt, ein Test sei unnötig, der Fall wäre klar. Ihre Tochter kommt täglich, um Clara beizustehen, aber die todkranke Seniorin kann ihr Bett nicht mehr verlassen. Bald sind ihre Lungenflügel vom Infekt derartig geschwächt, dass erneut der Arzt gerufen wird. Noch während des Wartens auf den Mediziner verstirbt Clara Bauer im Alter von neunundachtzig Jahren.

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Achie kläfft und knurrt, wimmert in den höchsten Tönen. Aus tiefstem Schlafe erwachend, hört Nelly, dass ihr Sohn mit jemandem zu sprechen scheint. Als sie dessen Kinderzimmer betritt, stammelt der fünfjährige Junge nur: „Oma war zu Besuch.“ Nelly zieht den mit gestickten Sternen geschmückten Filzvorhang zur Seite. Etwas Schnelles, weiß Leuchtendes zieht an Nellys Augen vorbei, doch sie vermag nicht zu sagen, was sie da erblickte. Irritiert schließt die feingliedrige Frau den Vorhang und schaltet die Schreibtischlampe ein. Auf dem winzigen Holztisch liegt eine Zeichnung. Das mit Wachsmalkreide gemalte Bild zeigt auf einem dunkelblauen, beinahe schwarzen Hintergrund die helle, mit Weiß und Gelb aufgetragene Silhouette einer weiblichen Figur im Wellen werfenden Gewand. Ein Geräusch ertönt vor dem halbgeöffneten Fenster. Sofort reißt Nelly die Vorhänge auf, und vernimmt eine murmelnde Stimme, die fünf Worte spricht. Fragend wendet sich Nelly an ihren Sohn, der für seine Mutter das Murmeln übersetzt: „Ich bin immer bei euch!“