Der Brief II

Münster, den 17. Mai 2020

Auf den Kulkwitzer See blickend, zückt Holger Schien seinen Kugelschreiber, und sagt zu seiner Frau: „Was wollen wir schreiben? Wie beginnen wir unseren Leserbrief?“ Emma, die einen großen Schluck Limonade aus ihrem Glas nimmt, schlägt vor, sich ganz pauschal an die Leipziger Bevölkerung zu wenden. „Liebe Leipziger, also?“, fragt Holger und drückt seine abgebrannte Zigarette im Aschenbecher aus. „Ja“, stimmt Emma ihm zu, „das wäre ein guter Anfang.“ „Aber wollen wir uns nicht auch auf den Virologen Professor Hülshoff beziehen?“, hakt Holger nach.

„Also gut“, erwidert Emma, „schreib Folgendes: „Liebe Leipziger, angesichts der Corona-Krise entwickelte sich bei mir und meinem Mann nach und nach eine große Unsicherheit in Bezug auf die Beschränkungsmaßnahmen der Regierung, die ja nun gelockert werden. Eine Zeitlang schienen Wissenschaftler, wie der Virologe Professor Hülshoff, die Politik in Deutschland zu bestimmen und mit ihrer, wie wir finden, übertriebenen Vorsicht dafür zu sorgen, dass die demokratischen Grundrechte mit den Füße getreten wurden…““
„Perfekt formuliert, meine Liebe“, lobt Holger seine Frau Emma, „aber wir sollten auch auf unsere persönliche Situation zu sprechen kommen.“

Emma Schien fährt fort: „Okay, wir schreiben etwas über unsere jeweiligen Berufe: „Neben der Einschränkung der Rechte wurde es der arbeitenden Bevölkerung schwer bzw. unmöglich gemacht, ihre Berufe auszuüben und das notwendige Geld zu verdienen. Als Kindergärtnerin musste ich zuhause bleiben, während mein Mann in die Kurzarbeit ging. So entstanden finanzielle Engpässe. Im Hinblick auf die derzeitige Lage sind wir besorgt, da eine steigende Zahl von Bürgerinnen und Bürgern sich auf öffentlichen Plätzen versammelt und demonstriert. Wir haben uns versuchsweise an einer solchen Protestkundgebung beteiligt und festgestellt, dass uns die dort Versammelten nicht gefielen, neigten sie doch teilweise zu extremen politischen Ansichten und auch zur Gewalt. Während wir uns vor dem Alten Rathaus im Herzen unserer schönen Stadt Leipzig befanden, eskalierte die Situation, ein Kamerateam wurde von Seiten der Demonstranten attackiert und verletzt.““

„Eine sehr bildhafte und lebendige Beschreibung“, spricht Holger seiner Emma ein weiteres Lob aus, „jetzt sollten wir zum Abschluss kommen, denn kein Leser mag überlange Briefe!“ „Mal sehen“, überlegt Emma, „wir sollten ein differenziertes Ende finden, welches der Komplexität der Lage angemessen ist. Schreib weiter:

„Wir vermögen es nicht, zu beurteilen, ob die ergriffenen Maßnahmen der Regierung überzogen sind und waren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich die Kommentare und Vorschläge der Wissenschaftler in Bälde als zutreffend erweisen. Rückblickend wird dann womöglich gesagt werden, dass die getroffenen Entscheidungen sogar nicht weitgehend genug waren. Und doch sollten wir die zunehmende Wut der Deutschen berücksichtigen, wenn wir keine chaotischen Zustände riskieren wollen. Man sollte den Demonstranten, unter denen sich größtenteils gemäßigte, nicht zum Extremismus neigende Väter und Mütter mit ihren Kindern befinden, Gehör schenken und sie beachten. Denn, wenn man sie ausgrenzt und ächtet, könnte dies zu einer weiteren Radikalisierung führen.““ „Das ist gut, und das reicht auch“, stellt Holger Schien fest. „Richtig“, nickt Emma, „nur noch einen kurzen, abschließenden Satz: „Liebe Leipziger, wägt genau ab, welche Maßnahmen ihr ergreifen wollt. Demonstriert, wenn Ihr unzufrieden seid, aber vermeidet extreme Positionen, denn am Ende geht es in erster Linie um unsere Gesundheit und auch um die Rettung von Menschenleben, primär aus den Risikogruppen.““

„Ein wirklich gut geschriebener Brief“, sagt Holger Schien, während er den letzten Schluck Weisse Elster-Bier aus seinem Glas nimmt, „wir können zufrieden sein!“ „Richtig“, pflichtet Emma ihm bei, „und wir haben versucht, möglichst viele verschiedene Positionen zu berücksichtigen.“