Der Brief

Münster, den 15. Mai 2020

Während im Hintergrund der Tumult anhält und die Demonstration von Seiten der Polizei aufgelöst wird, begeben sich die Eheleute Schien zur S-Bahnstation am Neuen Leipziger Rathaus, wo bald die S1 ankommt. Ihre Atemschutzmasken bedecken Mund und Nase, ganz nach Vorschrift, und Emma und Holger Schien halten Händchen, wie verliebte, aber auch verunsicherte Teenager. Nach neununddreißig Minuten Fahrtzeit erreicht die S-Bahn die Grünauer Station Zschampertaue, wo die beiden aussteigen. „Das war eine entsetzliche Erfahrung, diese Demonstration“, sagt die Kindergärtnerin zu ihrem Mann Holger. Der stimmt sofort zu: „Richtig, aber auf irgendeinem Wege müsste man seine Unzufriedenheit doch äußern können.“

Holger und Emma gehen in westlicher Richtung zum Kulkwitzer See, um im Biergarten der Strandhütte kühle Getränke zu sich zu nehmen. Am pittoresken Seeufer sind viele Flaneure und Joggerinnen unterwegs, fast alle tragen Masken. Eine pummelige Blondine mit Nasenpiercing bedient das Ehepaar Schien, zunächst müssen sie sich registrieren. Die Kellnerin reicht dem skeptisch dreinblickenden Holger einen Zettel sowie einen Kugelschreiber, den sie vorher desinfiziert. Indem der Industriearbeiter und seine Frau ihre Angaben zu Adresse und Telefonnummer machen, wird ersterer von einem Passanten aggressiv angegangen. „Maske auf!“, ruft der erzürnte Mann, denn Holger hat seinen Atemschutz nur für einen kurzen Moment unter das Kinn geschoben, um eine Zigarette zu entzünden. Erregt wedelt der Biergartenbesucher mit einer Ausgabe der Leipziger Volkszeitung herum, auf deren Mantel sich ein Porträtfoto des bekannten Virologen Professor Hülshoff befindet. „Weißt Du, was wir machen“, schlägt Emma ihrem Holger vor, „wir schreiben einen Brief, einen Leserbrief!“ „Das halte ich für eine gute Idee“, nickt Holger und ergänzt, „das wäre dann eine gewaltlose Demonstration unserer Unzufriedenheit.“