Die Demonstration

Münster, den 13. Mai 2020

 

„Es reicht“, sagt Holger Schien zu seiner Frau Emma, „ich habe die Lügen von denen da oben satt!“ „Ja, richtig“, stimmt ihm Emma zu, „es ist an der Zeit, etwas zu unternehmen!“ Die Schiens planen, an der für den heutigen Dienstag angekündigten Demonstration vor dem Alten Leipziger Rathaus teilzunehmen. Bisher haben sich der Industriearbeiter und die Kindergärtnerin noch nie an öffentlichen Protesten beteiligt, aber im Privaten durchaus ihre Unzufriedenheit mit der Politik der Regierung geäußert.

Ihre Atemschutzmasken lassen die seit nahezu zwanzig Jahren Verheirateten ganz bewusst in ihren Taschen. Vermeintlich Gleichgesinnte versammeln sich in Gruppen auf dem Markt, von wo das zu Renaissance-Zeiten entstandene Alte Rathaus gut zu sehen ist. Emma scheut sich ein wenig, ihr selbstgebasteltes Pappschild in die Höhe zu halten, durch Holger ermutigt, tut sie es schließlich doch. „Virologen lügen!“, diesen Slogan hat Emma mit karmesinroter Acrylfarbe auf die Pappe aufgetragen, die Farbe ist noch nicht getrocknet, und sie duftet.

Ein hochgewachsener, kahlköpfiger Demonstrant, der ein Stoffbanner mit der Aufschrift „Gegen den Impfzwang!“ hisst, überreicht dem Ehepaar Schien einen Flyer. „Hier“, spricht der tätowierte Hüne, „interessantes Infomaterial!“ Verschüchtert nimmt Emma den Papierzettel entgegen und bedankt sich. „Zum ersten Mal dabei, was?“, erkundigt sich der Impfgegner. „Das ist richtig“, sagt Holger Schien, um zu fragen, „was sind das für Leute, die hier demonstrieren?“ „Oh“, erwidert der Protestierende, „es handelt sich um eine bunte Mischung.“

Während immer mehr Demonstranten auf dem Markt eintrudeln, blicken Emma und Holger Schien um sich. Es fällt ihnen schwer, die im Mittelpunkt der Stadt Versammelten politischen Lagern zuzuordnen, da niemand offensichtliche Symbole auf T-Shirts oder Schildern trägt. „Tatsächlich“, stellt Emma fest, „hier demonstriert ein Querschnitt der Bevölkerung, das kann ja nicht falsch sein.“ Als Holger seine Frau nickend in den Arm nimmt, tauchen plötzlich mit einer Kamera ausgerüstete Journalisten auf, und die eben noch friedliche Stimmung kippt. Der als Gegner von Zwangsimpfungen auftretende Hüne stürmt auf das Kamerateam zu. Aggressionen machen sich auch bei den anderen Demonstranten breit. Es ertönen laute Rufe: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Und dann schlägt der muskulöse Mann einem Reporter die Kamera aus der Hand. Sofort entsteht ein Handgemenge, Emma und Holger stehen einem Pulk von schreienden Menschen gegenüber. Faustschläge und Fußtritte hageln auf das Fernsehteam ein, und Blutspritzer sprenkeln die Helme der allmählich eingreifenden Polizisten. Entsetzt wenden sich Emma und Holger ab, ziehen ihre Masken auf und gehen heim.