Die Sonne der Wahrheit

Münster, den 22. März 2020

Die Wahrheit ist relativ, würden viele Menschen in Bezug auf unsere Alltagsrealität behaupten. In einer Demokratie wird die Wahrheit immer wieder verhandelt, neu definiert, relativiert. Was ist das für eine Wahrheit, von der ich hier spreche? Nun, es handelt sich um unsere Perspektive auf die Welt, unsere individuelle Wahrnehmung des alltäglichen Geschehens, das, insbesondere im Rahmen der Corona-Krise, von äußerst dynamischer Gestalt sein kann. Momentan verändert sich Vieles, und dies geschieht rapide, abrupt, in einer Art und Weise, die für die Mehrheit der Bürger*innen schwer nachvollziehbar ist.

Gestern fiel mir dann doch die Decke auf den Kopf, und ich verließ das Haus, um an einem sonnigen Mittag angenehm kühle Frischluft zu tanken. Es fiel auf, dass die Drohungen seitens der Politik erste Wirkungen zeitigten, denn nur wenige Passanten und Flaneure waren zu sehen. War der Grund dahinter die Angst vor der Ausgangssperre, oder einer Ausgangsbeschränkung?

Die aktuell in den Medien, auch von Seiten der Wissenschaft verbreitete Wahrheit lautet: Soziale Distanz, Daheimbleiben und ein hartes Durchgreifen durch den Staat helfen dabei, die Infektionskette zu unterbrechen. Dabei räumen Virologen, wie Prof. Christian Drosten durchaus ein, dass dies nicht bewiesen sei. Man müsse abwarten und dann sehen, wie sich die Maßnahmen auswirken. Drosten sagt, die Wirksamkeit von Ausgangssperren sei unklar. Dergestalt zeigt sich die Wahrheit dieser Tage allzu oft: Sie ist dynamisch, um nicht zu sagen unzulänglich.

Der Mensch, so meine ich, sehnt sich gerade in diesen Zeiten nach absoluten Wahrheiten, nach Tatsachen, an die er sich halten, auf die er bauen kann. Indes obliegt es uns zurzeit, unser Wahrheitsverständnis wieder und wieder upzudaten, zu aktualisieren. Denn wir blicken in eine ungewisse Zukunft. Lügen, Hetze und Panikmache haben Hochkonjunktur. Und auch dahinter steht das menschliche Bedürfnis nach der EINEN, uns ein Sicherheitsgefühl vermittelnden Wahrheit. Auf diese müssen wir derweil verzichten, uns bleibt nichts anderes übrig, als mit der Ungewissheit zu leben.

Antike Philosophen, namentlich Sokrates, beschrieb mit dem Daimonion, unserer inneren Stimme, einen im tief im Menschen verankerten, intuitiven Seismographen, der uns von Fehlentscheidungen abhält und uns, einem sechsten Sinn ähnelnd durch das Leben geleitet.

Halten wir uns also an die Intuition, um Lügen und Wahrheit auseinanderzuhalten. Bewahren wir einen kühlen Kopf, und hoffen mit Franz Kafka darauf, dass sich die Wahrheit am Ende des Tages durchsetzen wird.

Franz Kafka notiert: „Alles, selbst die Lüge, dient der Wahrheit; Schatten löschen die Sonne nicht aus.“