Die stille Einkehr

Münster, den 20. März 2020

Dass mich in den letzten Tagen eine leichte Form von Panik erfasste, muss ich offen zugeben. Alle zehn Minuten kontrollierte ich die Meldungen zum Thema Corona-Virus, ohne wirklich abschalten zu können. Apokalyptisches malte ich mir aus, meine Ratio war schwer angegriffen.

Einige Stimmen in der Presse empfahlen, die Krise zur Reflexion, Entschleunigung, zur stillen Einkehr zu nutzen. Ohnehin bin ich sehr gut darin, Eremiten-gleich in einer Art geistigem Resort zu verbleiben. Über all die in dieser aktuellen Situation vorteilhaften Eigenschaften verfüge ich, so bilde ich mir ein.

Aber erst heute, nach mehreren Tagen freigewählter Isolation, vermag ich es erst, mich wirklich zu entspannen. Woran das liegt? Ich weiß es genau! Daran, dass ich wieder in einen Schreibfluss geraten bin und neue Projekte angehe. Musik, Literatur, Malerei, Spielfilme und eben die Dokumentation der eigenen Gedanken öffneten mein geistiges Resort erneut, während es wegen übermäßigem medialen Konsum einige Zeitlang geschlossen bleiben musste. Und das ist gut so. Man gewöhnt sich an die Katastrophenmeldungen, die ich im Übrigen größtenteils ausdrücklich NICHT für Panikmache halte. Meines Erachtens reagieren die meisten Amtsinhaber relativ nüchtern, rational, beinahe besonnen. Zum Beispiel Markus Söders Maßnahmen, jetzt die weitgehende Ausgangsbeschränkung in Bayern, halte ich für richtig. Und auch die Ansprache der Kanzlerin gefiel mir in ihrer Sachlichkeit sowie Unaufgeregtheit.
Die derzeitige Lage birgt tatsächlich Chancen, wie ich meine. Es tut sich ein von Muße und Meditation geprägtes Leben auf, sofern man den Luxus des Daheimbleibens und der freien Zeiteinteilung für sich entdeckt. Keineswegs beabsichtige ich, die freiwillige Quarantäne als Nonplusultra zu bewerben. Dennoch sollten wir uns an die Vorgaben der Politik halten, insofern soziale Distanzierung sich in den kommenden Tagen und Wochen wirklich als wirksames Mittel zur Unterbrechung der Infektionsketten und damit zur Verlangsamung der Pandemie erweisen sollte. Um Ruhe zu bewahren, gehe ich einmal davon aus, dass die Einschätzungen und auch die Warnungen etwa des Robert Koch-Instituts, oder die stetigen aktualisierten Daten der Johns Hopkins-Universität seriös und sachlich sind, auch wenn sie von einander abweichen.
Es stellt sich ein Problem, welches darin besteht, dass viele Menschen es schlichtweg nicht zuhause aushalten. Deshalb scheinen Länderchefs wie Armin Laschet auch so lange – wie viele sagen würden ZU lange – über eine Ausgangssperre nachdenken. Viele junge Leute, die zurzeit nicht zur Schule oder zur Universität gehen können, versammelten sich in den letzten Tagen aller Warnungen zum Trotz in der Öffentlichkeit, was vielfach, m.E. zu Recht, kritisiert wurde. Indes braucht es einige Zeit, um die Ausnahmesituation nach und nach zu begreifen, die getroffenen Maßnahmen zu verinnerlichen und das eigene Verhalten anzupassen.
Insofern denke ich, dass wir zwar eine umgehende, befristete Ausgangssperre benötigen, und uns dennoch auf einem guten, hoffentlich richtigen Weg zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus befinden.

Mit einem Zitat von Blaise Pascal, das zugegebenermaßen ein wenig vermessen erscheinen könnte, möchte ich diesen Tagebucheintrag für heute abschließen. Aber nicht, ohne die Leistungen der Pfleger*innen, Ärzt*innen und Verkäufer*innen, der Polizist*innen und Feuerwehrleute, sowie der Soldat*innen im höchsten Maße zu würdigen. In der Tat, es ist ein Luxus, in stiller Einkehr daheim bleiben zu können.

Blaise Pascal bemerkt: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“