Die Verschwörung

Münster, den 21. Mai 2020

 

Familie Schien zeigt sich genervt von der Aufdringlichkeit des großen Mannes, der sich während der Demonstration als Impfgegner zu erkennen gab. Lothar, so sein Name, will einfach nicht von Holger, Emma und ihrer Tochter Anna ablassen. Sie eilen die Katharinenstraße entlang, doch Lothar folgt ihnen. Offenbar will er die Schiens von seiner These überzeugen, dass es bald zu Massenimpfungen kommen wird, die Lothar verhindern will. „Notfalls ziehen wir in den Krieg“, sagt der erregte Hitzkopf, „ich werde mich bestimmt nicht impfen lassen, das Pack hält zusammen…“ „Von welchem Pack sprechen Sie da genau?“, will die zusehends verärgerte Anna von dem sich Ereifernden wissen. „Naja, Du weißt schon“, antwortet er, „Gates, die WHO, all die Einflussreichen.“ Anna überlegt, Lothar von ihrer Blutspende zu berichten, ist sich aber nicht sicher, wie er reagieren wird. Lothar schimpft und schreit, so dass vorbeiziehende Passanten auf ihn aufmerksam werden. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragt eine Einkaufstaschen tragende Frau die Schiens. „Wir kommen zurecht, danke!“, sagt Emma. „Bleiben Sie ruhig!“, fordert Holger den erzürnten Impfgegner Lothar auf. „So ruhig wie Du etwa?“, erwidert dieser, „das ist ein bisschen zu ruhig. Weißt Du nicht, dass die Beruhigungsmittel ins Trinkwasser geben?“

Kopfschüttelnd bittet Holger Schien den Zornigen, sie doch nun in Ruhe zu lassen. „Anna“, richtet sich der Vater an seine Tochter, „erzähl doch mal von Deiner Blutplasmaspende!“ „Ja“, spricht Anna, „ich war an Covid-19 erkrankt!“ „Das glaube ich nicht, Corona ist eine Erfindung der Mächtigen“, fällt ihr Lothar ins Wort. „Wie auch immer“, fährt Anna unbeirrt fort, „jedenfalls habe ich Blut gespendet, als ich immunisiert war, damit schwer Erkrankte mit dem Plasma behandelt werden können.“ „Das ist doch Wahnsinn, Mädchen, lass Dich doch nicht irre machen“, brüllt Lothar Anna ins Ohr. „Und jetzt“, sagt Anna bestimmt, „gehen Sie bitte!“ Lothar wischt sich mit einer fahrigen Handbewegung den Schweiß vom kahlen Schädel. Er hält kurz inne, überlegt, um sich dann abrupt umzudrehen und zu gehen. „Endlich“, sagt Emma Schien erleichtert, „kommt, wir trinken einen Kakao!“ Auf dem Weg in die Milchbar Pinguin wirft Holger den Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung in einen Postkasten.