Die Welt von oben

Münster, den 6. Juni 2020

Hier habe ich etwas für Dich!“, sagt Emma Schien zu ihrer Tochter Anna, indem sie ihr die Zeitung reicht, „es könnte Dich interessieren.“ Anna lässt die Gabel sinken, um das auf dem Mantel der Leipziger Volkszeitung abgebildete Foto in Augenschein zu nehmen. „Meinst Du diese Aufnahme, Mutter“, fragt Anna. „Ja, Dich faszinieren doch Luftaufnahmen und allgemein die Vogelperspektive“, erwidert Emma, während Holger Schien den Nachtisch, Leipziger Lerchen genannte Mürbeteigtörtchen, aufträgt. „Diesem Artikel zufolge gibt es aufgrund der Corona-Krise weniger Schadstoffe in der Luft, Fabriken sind verwaist, der Schiffsverkehr ist stark zurückgegangen“, sagt Anna und sieht sich die von der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) bereitgestellten Bilder genauer an. Ihre Mutter, die Anna oftmals mit Ideen überrascht, hatte wieder einmal den richtigen Riecher gehabt und der Malerin inspirierendes Material geliefert. Anna zeigt sich begeistert von den aus dem Weltall aufgenommenen Fotos, auf welchen die Auswirkungen der Corona-Krise eindeutig zu erkennen sind. Die Welt scheint wieder zu Atem gekommen zu sein, zumindest vorübergehend, sinniert Anna. Doch an den Orten, wo der Shutdown beendet wurde und die Fabriken wieder produzieren, ist zu sehen, dass die Verschmutzung bereits wieder auf dem vormaligen Level ist. Und ich hatte so gehofft, dass sich nach Corona etwas ändert, denkt Anna und nimmt die ESA-Fotografien mit in ihr zum Atelier umfunktionierten Kinderzimmer. Hier überlegt sie, auf welche Weise die atemberaubend schönen Bilder künstlerisch umsetzbar wären.