Die Wolke des Nichtwissens

Münster, den 26. März 2020

 

Über der Welt liegt derzeitig eine Wolke des Nichtwissens, niemand kann erahnen, wohin uns die Corona-Pandemie führen wird. Den Wissenschaftlern vertrauend, der Vernunft dienend, hoffen wir darauf, dass soziale Distanz und Isolierung die Infektionskurve langsam abschwächen. Prof. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, spricht äußerst vorsichtig davon, die von der Regierung getroffenen Maßnahmen könnten bereits erste Wirkungen zeigen, sei die Rate der Neuinfektionen doch minimal gesunken. Trotz dieses Anlasses zur Hoffnung, findet Wieler warnende Worte und betont, dass wir erst am Anfang der Pandemie stünden. Wir wissen also wenig, sollten unser Nichtwissen aber perspektivisch als Chance begreifen und umdeuten.

Am 20. März 2020 verstarb der Benediktinermönch, Zen-Meister und Mystiker Willigis Jäger, der eine Zen-Linie mit dem Namen „Wolke des Nichtwissens“ begründet hatte. Auf eine Schrift über den mystischen Weg aus dem 14. Jahrhundert geht dieser Name zurück. Der Verfasser des um 1390 in mittelenglischer Sprache geschriebenen Werks gab seine Identität nicht preis, und wird daher als „Cloud-Autor“ bezeichnet. Er bezieht sich auf die biblische Szene am Gipfel des Berges Sinai, wo Mose Gott in einer Wolke erfahren durfte: „Während Aaron zur ganzen Gemeinde der Israeliten sprach, wandten sie sich zur Wüste hin. Da erschien plötzlich in der Wolke die Herrlichkeit des Herrn“ (Exodus 16,10). Der zentrale Inhalt dieser mystischen Schrift besteht in der geistigen Einswerdung mit Gott, in deren Rahmen der Mensch seinen normalen Erkenntnisbereich der begreifenden Vernunft übersteigt und so Gott auf übervernünftige Weise erfährt.

Von Gott zu sprechen, erweist sich gerade in diesen Zeiten als problematisch, fragen sich doch einige, weshalb ein höheres Wesen der Welt ein solches Übel zumutet. Aus diesem Grund, und um den Glaubenshorizont möglichst vieler Menschen zu beleuchten, soll auch von der Natur, dem Kosmos oder dem Weltgeist die Rede sein. Von Baruch de Spinoza (1632 -1677) stammen die Worte: „Deus sive natura“ (Gott oder auch die Natur). Und die Erläuterung des jüdischen Philosophen lautet wie folgt: „Ich behaupte eben, dass alles in Gott lebt und webt.“ Unser Glaube kann gewiss auch darin bestehen, dass wir einem atheistischen oder agnostischen Denken anhängen. Dennoch, so unterstelle ich, glaubt jeder Mensch an etwas, sei es die Liebe, die Vernunft oder die Naturwissenschaft. Ohne Glauben zu leben, erscheint mir hinsichtlich des begrenzten menschlichen Verstands unmöglich.

Begreifen wir also die Wolke des Nichtwissens als eine über-rationale Möglichkeit, menschliche Regungen, wie Angst, Unvernunft oder Hass zu überwinden. Sehen wir in jener Wolke den Weg der Kontemplation, der inneren Einkehr, die wir dieser Tage so nötig haben. Nie war es einfacher, sich der Pflege der eigenen Seele zu widmen, sie, z.B. durch Literatur oder Meditation, zu heilen. Denn wir sind nun auf uns selbst zurückgeworfen worden. Solidarität greift um sich, aber, so hoffe ich zumindest, auch Achtsamkeit, Rückbesinnung auf das Wesentliche. Für Willigis Jäger war die Mystik das Entscheidende, Gemeinsame aller Weltreligionen. Der Mönch sagte einmal, man müsse „Bücher, Rituale und alles mentale Begreifen übersteigen“, wenn man in die Wolke des Nichtwissens eintauchen wolle. Alle Weltreligionen münden letztlich in der Mystik, wie Willigis Jäger feststellte: „Im Buddhismus entwickelten sich Zen, Vipassana und die tibetischen Wege. Bei den Hindus entstanden die verschiedenen Formen des Yoga. Im Islam entfaltete sich der Sufismus, im Judentum die Kabbala und im Christentum die Kontemplation. […] Die transzendentalen Erfahrungsräume zählen zur Grundbegabung unserer menschlichen Existenz, wenn auch viele Menschen davon nichts wissen.“