Die zweite Welle

Münster, den 29. April 2020

„Ich erhalte Morddrohungen“, berichtet der Virologe Prof. Christian Drosten von der Berliner Charité, ein nüchterner, sachlich argumentierender Wissenschaftler. Da er die Lockerungen der einschränkenden Corona-Maßnahmen mit Vorsicht betrachte, sei er für viele Deutsche „der böse Kerl“. In seinem empfehlenswerten NDR-Podcast warnt Drosten vor einer zweiten Infektionswelle, und macht sich mit dieser m.E. durchaus realistischen Prognose viele Feinde. Dabei zeigt sich der Virologe um die Gesundheit der Bevölkerung besorgt und erweist sich als äußerst vorsichtiger, von Rationalität geleiteter Mahner.

Dass ein größer werdender Teil der Deutschen sich eine Rückkehr in den Zustand vor der Corona-Krise wünscht, ist verständlich und nachvollziehbar. Dass man einen behutsam vorgehenden, renommierten Wissenschaftler bedroht, halte ich für ein Symptom der Verrohung in diesem Land. Man muss nicht mit Drostens Positionen einverstanden sein, Kritik ist allerorts erwünscht und notwendig. Man kann den Einfluss der Virologen auf die Politik der Regierung als zu hoch bewerten, um auf faktischer Ebene zu diskutieren und zu debattieren. Es mag sein, dass Drosten ein zu schwarzes Bild malt. Aber ich nehme stark an, dass er dies aus humanistischen Gründen tut. Warum auch sonst?

Deshalb sollte man sich an politischen Diskussionen und Debatten beteiligen, anstatt sich von der stumpfen Unkultur der Hetze infizieren zu lassen. Unsere Lage ist so komplex wie kompliziert, feinste Verästelungen müssen beachtet werden, wenn man urteilt und schlussfolgert. Absolute, pauschale Urteile zu fällen verbietet sich, denn man kann sich der Wahrheit nur im Diskurs annähern. In Fall von Corona sollten wir Behutsamkeit und Vorsicht walten lassen, denn wir wissen immer noch zu wenig über die Covid-19-Erkrankung und deren Auswirkungen. Falls eine zweite Welle kommen sollte, werden wir uns noch an die Warnungen seitens der Wissenschaft erinnern.