Everyday is like Sunday

Münster, den 1. April 2020

Ein strahlend blauer Himmel, erwärmte Luft steigt aus dem Heizkörper in die Höhe, schmilzt das Eis an den gefrorenen Fensterscheiben. Zutraulich, keineswegs scheu, landet eine Amsel auf dem hölzernen Fensterrahmen und wärmt sich. Der schwarze Vogel reckt seinen gelben Schnabel in Richtung des Schornsteins, aus dem graue Rauchwolken in das absolute Himmelsblau dringen. Frühmorgens sind die Straßen noch leerer als zur Mittagszeit, wenn die Menschen Einkäufe erledigen oder flanieren. Alles wirkt harmlos, beinahe feierlich. Man könnte meinen, wir lebten nun an einem ewig andauernden Sonntag.

Doch über allem pendelt unheilschwanger das Schwert des Damokles. Der Sonntagskaffee, üblicherweise eingenommen mit Familie, Verwandten oder Freunden fällt weg. Ausführliche Sonntagsspaziergänge hingegen sind noch möglich. Auf der Promenade umkreise ich die Stadt. Passanten und Flaneure ziehen große Kreise, weichen aus, sobald sie sich begegnen. Trotzdem mutet es an, als stünde ein Festtag im Kalender. Die wenigen Spaziergänger, die ebenfalls kühle Winterluft atmen, werden bald wieder verschwinden, sich ins Sonntäglich-Private zurückbegeben.

Niemand weiß, wann dieser mächtige Sonntag enden wird. Und doch sollten wir ihn feiern, bedächtig, in aller Stille, in der Zurückgezogenheit. Graugänse fliegen schnatternd in einer V-förmigen Formation und auch Störche sind vereinzelt am klaren, wolkenlosen Himmel zu sehen. In der Nachbarschaft kläfft aufgeregt ein Hund, während Sirenen ertönen. Krankheit und Tod sind Dinge, von denen wir sonntags nichts hören wollen. Und doch, die Spitze der Klinge kommt unseren Köpfen gefährlich nahe. Wahllos greife ich in die Plattenkiste, entnehme der Papphülle schwarz glänzendes Vinyl. Knarzend und knackend gleitet die Diamantnadel in der Rille. Musik hebt an und eine Stimme erklingt:

„Everyday is like Sunday
Everyday is silent and grey

Hide on the promenade
Etch a postcard :
„How I Dearly Wish I Was Not Here“ (…)“