Hart Island

Münster, den 2. Juni 2020

Um sechs Uhr steht Anna bereits an der Staffelei, hatte ihr der Albtraum das Weiterschlafen doch unmöglich gemacht. Nun möchte sie die Gräber, die sie im Schlaf sah, auf die Leinwand werfen. Das matte Weiß der grundierten Leinwand irritiert die Kunststudentin, und sie erinnert sich an Leonardo da Vinci. Dieser konnte angeblich bereits auf der Grundierung das spätere Gemälde erkennen, so wie Michelangelo im Marmor schon die fertige Skulptur erahnen konnte. Leonardo soll auch oft auf Wiesen gelegen und die Wolken betrachtet haben. Auch in diesen amorphen Formen sah das Genie dann Kunstwerke, die er dann anfertigen sollte. Anna probierte diesen Trick schon mehrfach aus, und tatsächlich half er ihr beim Malen von Bildern. Doch an diesem frühen Morgen starrt sie die Leinwand bloß gähnend an, die Inspiration fehlt, Annas Imagination ist schwächlich.

Also bemüht Holger und Emma Schiens Tochter das Internet, um zu googeln. Davon erhofft sie sich nähere Informationen zu ihrem Traum von einem Inferno, wie es Dante Alighieri einst in der „Göttlichen Komödie“ beschrieb. Bald wird Anna fündig, sie stößt auf mehrere Berichte über eine New Yorker Toteninsel, Hart Island.

Sie liest Folgendes: „Die Coronavirus-Pandemie hat die Millionenmetropole New York schwer getroffen. Rund 170.000 Menschen haben sich in der Stadt mit rund neun Millionen Einwohnern bereits mit dem Virus angesteckt, mehr als 18.000 sind wohl daran gestorben. Ein kleiner Teil dieser Toten ist in simplen Holzsärgen auf Hart Island bestattet worden – die Obdachlosen, diejenigen, die keine Familien haben oder nicht identifiziert werden können, und diejenigen, deren Familien sich keine andere Beerdigung leisten können.“

Anna muss gleich an Arnold Böcklins Gemälde „Die Toteninsel“ denken, und sofort wird die junge Malerin von einem Schaffensrausch überwältigt.