Karma / Das stehende Jetzt

Münster, den 7. April 2020

Über die Maßen gequält, schreit die Erde auf und bringt ihren Bewohnern Krankheit und Tod. Aus neutraler, über-menschlicher Sicht, von der Perspektive der Ewigkeit her gesehen, handelt es sich bei Katastrophen wie der Corona-Pandemie um Naturereignisse. Erdbeben, Seuchen, Feuersbrünste suchten unseren Planeten heim und kosteten zahlreiche Menschenleben. Kostbar ist jedes einzelne. Und doch, wenn wir den Sichtpunkt der Ewigkeit, d.h. Zeitlosigkeit einnehmen, falls uns dies überhaupt möglich ist, so sehen wir, dass die Natur ihre Angelegenheiten selbst regelt und für Ausgleich, Balance sorgt. Es mag zynisch klingen, in Anbetracht der Infizierten und Gestorbenen über Karma zu sprechen, dennoch glaube ich fest daran, dass das Walten der Natur einem höheren Sinn folgt. Tatsächlich stand unser Planet kurz vor dem Kollaps, betrachten wir einmal den heiß diskutierten, besorgniserregenden Klimawandel. Menschengemachtes Unheil schien der Erde noch bis vor Kurzem den Rhythmus zu diktieren. Dann brach das Virus aus, ein Phänomen, das uns alle betrifft, jedes einzelne Land, und das nur durch internationalen Zusammenhalt zu besiegen sein wird.

Sollten wir diese Krise nicht dazu nutzen, uns solidarisch zu zeigen, uns zu engagieren, Menschlichkeit, Empathie zu zeigen und dementsprechend zu handeln? Mit nichts Geringerem als dem Karma der ganzen Welt haben wir es zu tun, sobald wir auch nur die kleinste Handlung vollziehen, die geringste Geistesregung vollführen. Jeder Gedanke, jede Tat bewirkt gewiss etwas im Gesamtgeschehen. Reißen wir uns also zusammen und handeln so, dass die Konsequenzen unserer Handlungen sich positiv auf den Lauf der Welt und das Schicksal der Menschen auswirken.

Wie kann uns das am Besten gelingen? Indem wir Vergangenheit und Zukunft ausblenden und wahrlich im jetzigen Augenblick leben. Weisheitslehrer*innen predigen seit Ewigkeiten die Kostbarkeit des von zeitlichen Begrenzungen enthobenen Moments, des „nunc stans“, welches mit „stehendem Jetzt“ übersetzt werden kann. In der Antike bezeichnete Platon die Zeit als „bewegtes Bild der Ewigkeit“, Thomas von Aquin verwendete den Begriff und Arthur Schopenhauer spricht diesbezüglich von der „Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“. Auch in der Literatur spielt das „nunc stans“ eine wichtige Rolle. So erleben die Bewohner des Zauberbergs in Thomas Manns gleichnamigem Roman eine „innerweltlich gelebte und durch die Bewegung Schwindel erzeugende, abgöttische Ewigkeit, die einen Versuch darstellt, die Zeit Gottes auf Erden zu leben.“ Im „nunc stans“ werden demnach Augenblick und Ewigkeit miteinander verknüpft. Auch moderne Mystiker wie Eckhart Tolle widmen dem „stehenden Jetzt“ ganze Bücher und definieren Zeitenthobenheit wie folgt: „Zeit ist überhaupt nicht kostbar, denn sie ist eine Illusion. Was dir so kostbar erscheint, ist nicht die Zeit, sondern der einzige Punkt, der außerhalb der Zeit liegt: das Jetzt.“ Hier findet der menschliche Geist Ruhe, die Seele kommt zu sich, wenn wir uns jenem Punkt durch das Stoppen unseres Gedankenkarussells nähern. Äußerst poetisch fällt Peter Handkes Beschreibung jenes besonderen Moments der Ewigkeit aus, schreibt er doch: „Einmal bin ich in den Farben zu Hause gewesen (…) Naturwelt und Menschenwerk, eins durch das andere, bereiteten mir einen Beseligungsmoment, den ich aus den Halbschlafbildern kenne, und der Nunc stans genannt worden ist: Augenblick der Ewigkeit.“