Liebe in Corona-Zeiten

Münster, den 8. Juni 2020

Anna betrachtet die Aufnahmen der Europäischen Weltraumorganisation eingehender, nimmt einen Bissen von der Leipziger Lerche und beschließt, dass sie heute lange genug kreativ gewesen ist. Die Sonne scheint in ihr Zimmer, und Anna fühlt sich großartig; wie immer, wenn sie hart gearbeitet hat. Ihrem Kleiderschrank entnimmt die Künstlerin ein geblümtes Sommerkleid und von ihrer Mutter Emma leiht sie sich einen großen Strohhut, der einst ihrer Urgroßmutter gehörte. Noch während sie sich ausgehfertig macht, fällt ihr auf, wie geschärft ihre Sinne sind. Die Wahrnehmung befindet sich auf einer neuen Ebene, denn Anna hat mithilfe ihres Herzens Kunstwerke geschaffen. Ein eigentümlicher Prozess, denkt sie, es scheint, als würde ich sofort belohnt, wenn ich wahrlich und aufrichtig gearbeitet habe. Unter ihrem Sternum verspürt Anna ein wärmendes Glühen, das auch immer im Rahmen eines kreativen Aktes auftritt. Ich könnte die Welt umarmen, denkt Anna, oder aus den Angeln heben, je nachdem.

Durch Grünau flaniert Anna in Richtung des Kulkwitzer Sees, und macht eine besondere Erfahrung. Wirklich jeder einzelne Passant sowie ausnahmslos jede Spaziergängerin lächeln ihr zu. Sie fühlt sich wie ein Sonnenkind, Liebe durchströmt ihren Körper. Offenbar strahlt Anna etwas sehr Spezielles, Anziehendes aus, worauf die ihr entgegenkommenden Leute reagieren. Ihrer Mutter gegenüber beschreibt sie es als engelhaften Magnetismus, ein seltenes Charisma, das die Menschen bannt. Um die wohltuenden Blicke erwidern zu können, schiebt Anna den Sonnenhut aus der Stirn und nimmt die schwarze Ray-Ban-Sonnenbrille ab.

Dieser Moment hat etwas ewiges, zeitloses. Es mag ihr erscheinen, als sei sie im Paradies gelandet, leichtfüßig schwebt Anna an das Ufer des herrlichen Sees. Unter dem blauen Juni-Himmel lässt sie sich auf dem Rasen nieder, um Musik zu hören. „Angel, gonna show it / Lord / The devil, go on hold it / Angel, gonna show it“, spricht Anna die von Kim Gordon gesungenen Verszeilen mit.

Flaneure laufen am Bootssteg auf und ab, dann nimmt Anna den Blick eines jungen Mannes wahr, der sie nicht aus den Augen lässt. An anderen, traurigeren Tagen würde sie sich belästigt fühlen und den Blick abwenden. Heute aber spürt sie, dass sein Interesse an ihr von Wohlwollen und Herzlichkeit getragen ist, denn er starrt sie nicht einfach nur an. Mittels seiner Augen möchte er ihr etwas mitteilen, ein Geheimnis vielleicht. Anna, die eine romantische Auffassung von Liebe hat, glaubt an Liebe auf den ersten Blick. Sofort schlägt ihr Herz höher, der Puls lässt ihren Hals pochen und ihr Mund wird trocken, vor Aufregung. Also macht sie sich auf, um eine Limonade zu kaufen. Doch da steht bereits der junge Mann, vermutlich ein Student, vor ihr und drückt ihr ein Getränk in die Hand.

Jonas“, stellt er sich vor, „schicker Hut!“ „Danke“, gibt Anna zurück. Zitronenlimo trinkend, kommen die beiden ins Gespräch, während die um sie herum tanzenden Vögel eine Hochzeit feiern.