Marcellos Traum

Münster, den 9. April 2020

Als Bruder Teo über das berühmte Fresko streicht, steigen ihm die Tränen in die Augen. Aber es hilft nichts, der Dominikanermönch lüpft seine Schiebermütze und verharrt für einen Moment lang kniend vor der Wand, die früher so viele Besucher anlockte. Jetzt ist das Kloster gesperrt, all die legendären Kunstwerke haben ihre Ruhe vor den gierigen Blicken der Touristen. Im Nordkorridor des Klosters San Marco lagert Bruder Teo Lebensmittel, die er jeden Tag an die Ärmsten der Armen verteilt. Vor Fra Angelicos Fresko der Verkündigung Mariä stapeln sich haltbare Produkte, wie Nudeln, H-Milch, Schokolade, Kommissbrot, Dosen mit Tomatensauce. Die Ausbreitung des Virus hat sich verlangsamt, und doch muss Bruder Teo nachts mitanhören, wie die unzähligen Leichen auf Militärlastwagen in die Krematorien der umliegenden Städte gebracht werden, da Florenz der Lage nicht mehr Herr wird.

In der stillen Betrachtung der in den 1440er Jahren entstandenen Verkündigungsszene, schöpft Bruder Teo neue Kraft. Nicht nur heute erscheinen ihm die Fresken wie comicartige Botschaften, unmittelbare Energiequellen, deren Farbigkeit die Betrachter betört und tröstet. Der Erzengel Gabriel verneigt sich vor Maria und bringt ihr die frohe Botschaft: Ave Maria, gratia plena.

Die Kirchturmuhr schlägt sechs, Bruder Teo beendet sein Gebet, trinkt einen letzten Schluck Cappuccino und begibt sich zum Portal von San Marco, wo sich bereits eine Schlange gebildet hat. Besonnen halten die Wartenden den vorgeschriebenen Mindestabstand von zwei Metern ein, unterhalten sich über die Vorkommnisse der letzten Nacht. Wohnungslos ist auch Marcello, immer wieder vertreiben ihn die Carabinieri von der Piazza della Signoria, wo er abends sein Nachtlager aufschlägt. Bruder Teo darf dem Obdachlosen kein Asyl gewähren, aus Seuchenschutzgründen. Teo und Marcello kennen sich schon lange, war letzterer doch einst ein Angehöriger des Dominikanerordens. Dann kamen die schweren Wochen und Monate der Krankheit, die Marcello in einem Sanatorium verbringen musste. Seit man ihn aus der Heilanstalt entließ, lebt der ehemalige Mönch auf der Straße. Marcello ist der einzige unter den Wohnungslosen, der das Kloster San Marco noch betreten darf, ist er Bruder Teo doch beim Austeilen der Nahrungsmittel behilflich. Im Nordkorridor packt Marcello Spaghetti, harten Parmesankäse und frische Tomaten in kleine Papiertüten. Seinen Blick wendet er währenddessen niemals von Fra Angelicos Wandgemälde ab, zu gut gefallen ihm die dargestellte Loggia und der von grünem Wuchs geschmückte Garten, wo Maria erfährt, dass sie vom Heiligen Geist beseelt werden wird. Wohlhabende Florentiner, angeblich Nachkommen der Medici, spendeten gestern wie so oft Obst und Gemüse, dessen erdiger Geruch Marcello in die Nase steigt. Bemitleidenswerten Kreaturen überreichen Marcello und Bruder Teo Lebensmittelspenden, und werden mit Dank und Gebeten entlohnt.

Am Ende eines harten Tages stoßen Marcello und Bruder Teo mit Grappa auf die getane Arbeit an. Dann muss sich Marcello verabschieden, um eine Schlafstelle zu suchen. Auch in dieser Nacht rumoren die Dieselmotoren der Militärtransporter auf den Straßen von Florenz. Marcello kauert in einer Ecke, unmittelbar vor dem Palazzo Vecchio und zittert vor Angst. Kommandos, die alle öffentlichen Plätze mit Desinfektionsmitteln besprühen sind ebenfalls unterwegs. Heute Nacht hat Marcello Glück, unbemerkt kann der bärtige Mittvierziger in seinem Winkel vor dem Rathaus schlafen.

Bald fällt Marcello in einen erquicklichen Tiefschlaf und träumt von einer anderen Zeit: Wie an jedem Morgen betritt der ehemalige Dominikaner den Nordkorridor des Klosters San Marco, wo Bruder Teo schon auf ihn wartet. Aber etwas stimmt nicht. Fra Angelicos Fresko, vor dem Marcello sein tägliches Morgengebet spricht, ist verschwunden, die Wand ist ganz weiß. Als Marcello Bruder Teo zur Begrüßung auf die Schulter klopft, dreht sich ein ihm Unbekannter um. Es handelt sich nicht um seinen guten Freund, sondern um einen in eine braune, fleckige Kutte gehüllten, uralten Mönch. Dieser nähert sich nun der kahlen Wand, zückt Pinsel sowie Farbpigmente und trägt innerhalb von wenigen Sekunden die altbekannte Verkündigungsszene auf den Kalkputz auf. Marcello tippt dem Fremden zum zweiten Mal auf die Schulter. Indem er gespannt darauf wartet, dass sich der Maler umdreht, erwacht Marcello aus seinem Traum. Vor ihm steht ein die dunkelblaue Uniform der Carabinieri tragender Beamter und spricht zu dem Verschreckten: „Schlafen Sie ruhig weiter!“