Plasma

Münster, den 19. Mai 2020

 

„Wir müssen uns beeilen“, sagt Emma Schien zu ihrem Mann Holger, „Anna kommt gleich an!“ Emma verstaut den Leserbrief an die Leipziger Volkszeitung in ihrer Handtasche, und bezahlt die Getränke. Dann eilt das Ehepaar Schien zur S-Bahn-Haltestelle und steigt in die S1, Richtung Hauptbahnhof. Ihre Tochter, die in Berlin studiert, wird einige Tage in ihrer Heimatstadt Leipzig verbringen.

Der aus Berlin kommende IC erreicht den Leipziger Hauptbahnhof pünktlich, und die Schiens schließen ihre Tochter in die Arme. „Schön, Dich zu sehen“, freut sich Holger, „wie geht es Dir denn?“ Anna gibt an, dass es ihr gut gehe und schlägt vor, in der Stadt eine Kleinigkeit zu essen. In ihrer Ellenbeuge klebt ein großes Pflaster, das Annas Eltern sofort aufgefallen ist. Schüchtern erklärt die brünette Mittzwanzigerin: „Ich habe Blut gespendet“. Der Hauptbahnhof wirkt in seiner Menschenleere gespenstisch, und Emma fragt: „Waren im Zug auch so wenige Passagiere?“ „In der Tat“, entgegnet die Tochter ihrer Mutter, „in meinem Abteil war ich die einzige Reisende.“ Anna streicht eine braune Haarsträhne aus dem ebenmäßigen Gesicht, wobei Emma bemerkt, dass ihr eine Träne über die Wange läuft. „Alles in Ordnung?“, erkundigt sich die Mutter. „Es geht schon“, erwidert Anna, „es ist nur…“ „Was denn?“ „Ich hatte mich mit dem Corona-Virus infiziert!“ „Das ist ja schrecklich“, sagt Emma Schien, „weshalb hast Du uns nichts gesagt?“ „Ich wollte Euch nicht unnötig belasten.“

„Aber darfst Du denn Blut spenden, wenn Du an Covid-19 erkrankt warst?“, fragt Annas Vater Holger. „Gerade dann, Papa, es geht darum, dass ehemals Erkrankte, die jetzt immun sind, ihr Blutplasma zur Verfügung stellen, damit schwer Erkrankte damit behandelt werden können“, erläutert Anna den Sachverhalt. „Und? Warst auch Du schwer erkrankt?“, hakt Holger nach. „Nein“, antwortet Anna, „ich hatte einen leichten Verlauf, aber es ist äußerst wichtig, dass möglichst viele Gesundete Blut spenden.“

Als die Familie Schien die Nikolaistraße entlanggeht, sehen sie Demonstranten, die eben noch am Leipziger Markt ihre Protesttafeln in die Höhe gehalten haben. Offenbar hat die Polizei die Kundgebung aufgelöst. Auch der hochgewachsene Mann, den Holger und Emma bei der Demo getroffen hatten, befindet sich in der Menschenmenge. Er bemerkt die Schiens, und nähert sich ihnen. „Lass uns doch in die Milchbar Pinguin, an der Katharinenstraße“, schlägt Anna ihren Eltern vor. Der Hüne mischt sich ein, und sagt: „Da wollte ich auch gerade hin.“