Reise, Reise

Münster, den 23. April 2020

Reisen ist ein deutscher Sport. Lange galten die Deutschen als „Reiseweltmeister“, bis ihnen die Chinesen diesen Titel streitig machten. Anfang der 1950er Jahre entstand durch günstige Urlaubsangebote von Versandhäusern wie Neckermann oder Quelle eine neue deutsche Reisekultur. Die Wirtschaft boomte und es gab auf Seiten der Deutschen ein ausgeprägtes Fernweh. Insbesondere Italien stellte das Land der Sehnsüchte dar. Im Rahmen des sogenannten Wirtschaftswunders wuchs der Bedarf nach Möglichkeiten der Freizeitorganisation, für die während der Wirren der Nachkriegszeit kein Platz gewesen war. Als der ökonomische Aufschwung in den 1960ern noch weiter anstieg, wurden wichtige Voraussetzungen für die spätere Tourismuswirtschaft geschaffen. Gründe hierfür waren eine Erhöhung des Realeinkommens, wie auch die Urbanisierung. Der Urlaub diente als Ventil, um die Stressfaktoren des Stadtlebens auszublenden. In Filmen von Heinz Erhardt wurden Wirtschaftswunder und Urlaubsreisen auf komödiantische Weise dargestellt.

Während der Nazi-Diktatur existierte ebenfalls eine Reisekultur, in Form der Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Durch diese wurden zu sehr günstigen Preisen attraktive Reisen angeboten, die sich auch die Arbeiter mit ihrem niedrigen Lohn leisten konnten. Mit dem gewährleisteten Jahresurlaub und der Organisation „KdF“ schufen die Nationalsozialisten eine riesige Reisewelle. Der Staat offerierte Tourismusangebote, eine Tradition, die etwa in der DDR fortgesetzt wurde. Alternativ zu den klassischen Pauschalreisen, die in den 1950er und 1960er Jahren immer beliebter wurden, etablierte sich unter den jüngeren Deutschen, vor allem unter Anhänger*innen der 68er-Bewegung, der „Hippie trail“. Man reiste im Wohnmobil, per Anhalter oder per InterRail. Das Reisen ist also unter den Deutschen äußerst weit verbreitet und im Bewusstsein verankert. Aufgrund der Billigangebote war es Touristen bis vor Kurzem möglich, kostengünstig verreisen zu können.

Im Angesicht der Corona-Krise wird sich das wohl ändern, und Reisen wieder zum Vergnügen einiger weniger. Die Preise werden steigen, hört man von Seiten der Tourismuswirtschaft. So könnten Reisen erneut zum Luxus werden.

Über Sommerurlaube sagte die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen unlängst: „Ich rate dazu, mit solchen Plänen noch zu warten.“ Als Reaktion auf diese Empfehlung ging ein Aufschrei durch Deutschland. Reisen zu wollen scheint den Deutschen ein unbedingtes Bedürfnis zu sein, was verständlich ist. Trotzdem sollte die Frage erlaubt sein, ob es hinsichtlich der weiterhin anhaltenden Pandemie nicht möglich ist, eine Zeitlang auf den Luxus des Reisens zu verzichten. Schließlich geht es zurzeit darum, eine zweite Infektionswelle zu verhindern. Somit wäre eine gewisse Bescheidenheit, eine Bereitschaft zur vorübergehenden Einschränkung der liebgewonnenen Freiheit durchaus am Platze. Wie weit diese Beschränkungen indes gehen sollen, ist fraglich. Denn nach und nach wird unsere Freiheitsradius immer begrenzter. Die Maskenpflicht wurde von Regierungsseite durchgesetzt, und das fragwürdige Corona-Tracking könnte verpflichtend werden. Immer weitreichendere Beschneidungen der Rechte sollten uns nachdenklich stimmen und uns wachsam bleiben lassen.