Über Einsamkeit

Münster, den 5. April 2020

Freigewählte Einsamkeit gilt vielen Dichter*innen, Mystiker*innen und Philosoph*innen als das Nonplusultra der Selbstfindung. Auf sich selbst zurückgeworfen, entdeckt der Mensch sein Innerstes, das letzten Endes in der Gemeinschaftlichkeit besteht. So paradox es erscheinen mag, in der Einsamkeit verbindet sich der Einzelne im Idealfall mit etwas Größerem, Mächtigerem. In der Ruhe wird er sich seiner Seele bewusst und damit seiner Zugehörigkeit zu etwas Allumfassenden. Die indische Philosophie bezeichnet mit dem Begriff „Atman“ das (absolute) Selbst, die unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes. „Atman“, häufig mit „Seele“ übersetzt, vereinigt sich in der Erlösung mit „Brahman“, dem Absoluten Höchsten, dem alles zugrunde liegt.

„Der Allwirkende, Allwünschende, Allriechende, Allschmeckende, dies All in sich Fassende, Wortlose, Achtlose, dieser ist meine Seele im inneren Herzen, dieser ist das Brahman, zu dem werde ich, von hier abscheidend eingehen“, so heißt es in der Chandogya-Upanishade.

Man könnte jenen ewigen Urgrund von Allem auch Weltseele nennen, oder das Urbild eines Ozeans der Weisheit. Die vermeintlich einzelne Seele des Individuums kehrt am Ende des Lebens zurück in den Schoß der allumfassenden Weltseele, des Kosmos. Mystikern gilt die menschliche Seele als eine Welle, die sich auf dem Ozean des Lebens bricht. Bei Platon partizipiert die Seele des Einzelnen am universalen Guten, durch sie tragen wir Unsterblichkeit in uns. Der platonischen Seelenwanderungslehre gemäß verlässt die Seele im Tod den Körper, reist ins Jenseits, um dann wieder in einen anderen Körper auf die Erde zurückzukehren.

Insofern sind wir nicht allein, nicht einsam. Denn in uns lebt mit der Seele eine unzerstörbare Wesenheit, die sich nicht unbedingt erst nach dem Tod mit dem Allumfassenden vereint. Auch in stiller Einkehr, Ruhe, Kontemplation können wir uns bewusst werden, dass wir Ewigkeit in uns tragen und durch unsere als individuell wahrgenommene Seele mit Allem verbunden sind. Wir besitzen die Teilhabe am Göttlichen. Also gibt es keine Einsamkeit, wenn wir uns dessen bewusst werden.

Ob Albert Einstein, Arthur Schopenhauer oder Leo Tolstoi; viele große Geister preisen die Einsamkeit und empfehlen uns als Einzelne eremitisch einzukehren, um die Kostbarkeit des Lebens erst richtig zu würdigen.

„Auf der höchsten Bewusstseinsstufe ist der Mensch allein. Eine solche Einsamkeit kann sonderbar, ungewöhnlich, ja auch schwierig erscheinen. Törichte Menschen versuchen, sie durch die verschiedensten Ablenkungen zu vermeiden, um von diesem erhabenen zu einem niedriger gelegenen Ort zu entkommen. Weise dagegen verharren mit Hilfe des Gebetes auf diesem Gipfelpunkt.“ Leo Tolstoi

„Ich lebe in jener Einsamkeit, die peinvoll ist in der Jugend, aber köstlich in den Jahren der Reife.“ Albert Einstein

„Einsamkeit ist das Los aller hervorragenden Geister.“ Arthur Schopenhauer

„Fühle dich nicht einsam, das gesamte Universum befindet sich in dir.“ Rumi