Untergang eines Imperiums

Münster, den 21. April 2020

„Die Eingeweide, gelöst in ständigem Ausfluss, entleeren sich aller Körperkräfte; ein Feuer, dessen Ursprung im Mark liegt, gärt in den Wunden tief im Rachen; die Innereien werden geschüttelt vom steten Erbrechen; die Augen brennen vom eingeschossenen Blut; manchmal nimmt die Vergiftung durch krankhafte Verwesung Arme und Beine“, so beschreibt Cyprian, Bischof von Karthago und einflussreicher Kirchenschriftsteller, eine in den Jahren 250 bis 271 im Römischen Reich auftretende Pandemie, deren Erreger bislang nicht bekannt ist. Die nach dem als Heiligen verehrten benannte Cyprianische Pest habe, dem Historiker Kyle Harper zufolge, weitreichende demographische und wirtschaftliche Folgen für das Reich gehabt und dessen Basis zutiefst erschüttert und destabilisiert.

Kyle Harpers 2017 erschienenes Buch „The Fate of Rome“, ist seit Kurzem auch in der deutschen Übersetzung zu lesen, der Titel lautet: „Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“. Harper vertritt hierin die These, dass, neben erheblichen klimatischen Veränderungen, vor allem Seuchen für den Niedergang Roms gesorgt hätten. Der Historiker argumentiert in Bezug auf die Cyprianische Pest wie folgt: Das religiöse Denken habe sich im Angesicht des jahrelangen Zuges der Seuche dauerhaft verändert. Erst habe Kaiser Decius den Christen die Verantwortung für die Seuche zugeschoben und sie dementsprechend verfolgt, danach hätte Dauer und Schwere der Epidemie jedoch das Vertrauen in die alten Götter tiefgreifend gestört und zum starken Anstieg des Christentums – das aufopfernde Krankenpflege und gegenseitige Hilfe als religiöse Pflicht empfand – beigetragen.

Bereits in den Jahren von 165 bis 180 herrschte nahezu im gesamten Gebiet des Römischen Reiches die nach Kaiser Mark Aurel (eigentlich: Marcus Aurelius Antoninus) benannte „Antoninische Pest“. Von Seiten der Forschung wird davon ausgegangen, dass es sich hierbei nicht um die Pest im klassischen Sinne, sondern eher um eine Pocken-Epidemie handelte. Im Gegensatz zur Cyprianischen Pest verkraftete das Reich jene noch relativ gut. Das Ende der Spätantike markiert indes eine weitere Pandemie, die 541 in Ägypten ausgebrochene Justinianische Pest. Bis in die Zeit nach 770 kam es zu unregelmäßigen Ausbrüchen der Krankheit, der apokalyptische Ausmaße zugeschrieben wurden.

Im Hinblick auf die aktuelle Corona-Pandemie kann wohl festgestellt werden, dass Rom den Seuchen sehr viel hilfloser gegenüberstand, als wir heute. Hoffen wir also auf eine baldige Überwindung der Krise und sehen dann, ob sich weltpolitisch gravierend etwas ändern wird.