Zurück von den Toten

Münster, den 15. April 2020

„Willkommen daheim!“, rufen Karl-Georg Holtmanns Frau und die Kinder zur Begrüßung des lange Verschollenen. Acheron, der freundliche Border Collie nähert sich dem Wiederkehrenden indes mit großer Vorsicht. Der eigentlich zutrauliche Vierbeiner reckt die feuchte Schnauze in die Luft, rennt auf seinen Herren zu, bleibt dann aber abrupt stehen und winselt kaum hörbar. An diesem Frühlingstag ist der Himmel strahlend blau, Wolken sind nicht zu sehen. Blaumeisen, Dohlen und Elstern tanzen auf einem gelb blühenden Ginsterbusch, bunte Blüten, prächtig knospend, schmücken den von Debora Holtmann in Ordnung gehaltenen Garten. Karl-Georg kommt noch näher, und die singenden Vögel verstummen, nehmen Reißaus. Dass da etwas nicht stimmt, geht Debora und ihren beiden Söhnen auf, als Acheron den Heimkehrer mit aller Macht anbellt, um zähnefletschend auf den hochgewachsenen Mann zu zulaufen. Karl-Georg versucht, das aufgeregte Tier zu beruhigen, und tatsächlich, Acheron hört auf zu bellen, fiepst nun aber unterwürfig.

Debora erkennt ihren Gemahl kaum wieder. Rötlich-braune, schwärende Wunden überziehen seinen, abgesehen von einem Haarkranz, kahlen Schädel. Seine Augen liegen tot in tiefen Höhlen, die Pupillen und Iriden sind winzig und Debora sieht das von blauen Äderchen durchzogene, marmorierte Weiß der Augäpfel. An seiner zerrissenen, löchrigen Arbeitskleidung, Holtmann ist Briefträger, nimmt seine Ehefrau erdige Spuren von Lehm oder Schlamm wahr. Die wenigen übriggebliebenen Haarsträhnen sind fettig, stehen wirr von den Schläfen ab und weisen ebenfalls Erdbröckchen auf. Mittels fahriger Bewegungen öffnet der Postbeamte seinen ledernen Koffer, während Acheron in seine Hundehütte flüchtet und die Söhne, Tim und Peter, Abstand halten. Debora umarmt ihren noch im Kindesalter befindlichen Nachwuchs und ruft Karl-Georg zu, er solle doch herkommen. Sichtlich unwohl ist Debora währenddessen zumute, spürt sie doch neben der Konfusion auch Angst in sich aufsteigen. Denn Karl-Georg soll an den Folgen einer Virusinfektion gestorben sein, wie es in einer in der Lokalpresse veröffentlichten Todesanzeige zu lesen war. Über drei Monate hat seine Familie den abgemagerten Mann nicht gesehen, indes haben Mutter und Kinder aber auch keine Beweise dafür, dass Karl-Georg tatsächlich gestorben ist. An der Beerdigung durften die Drei nicht teilnehmen, angeblich habe man den Leichnam in einem Krematorium eingeäschert und in einer Urne bestattet. Der Bürgermeister und ein katholischer Geistlicher seien beim Zeremoniell dabei gewesen. Debora, Tim und Peter hatten das Grab mehrmals besucht, und mit Lilien und Tulpen dekoriert.

Karl-Georg Holtmann ignoriert die Rufe von Seiten seiner Frau, und taumelt wie fremdgesteuert auf den rostigen Briefkasten zu, in welchen er ein Kuvert wirft. Dann dreht er sich ächzend um, lüpft die Mütze und geht seines Weges. Seine Familie hindert den fremdartig Wirkenden nicht daran. Und doch: Debora ist sich sicher, dass es ihr Gemahl war, der da die Post brachte.

Tim, der jüngere der beiden Söhne, eilt von Neugierde getrieben zum Briefkasten, um das von einem weißen Kreuz auf schwarzem Hintergrund geschmückte Kuvert in Augenschein zu nehmen. Als er es seiner Mutter reicht, trennt sie das dicke Büttenpapier sogleich mit ruhiger Hand auf. Im Inneren des Briefes stößt Debora auf eine Trauerkarte. Darauf klebt ein schwarzweißes Porträtfoto Karl-Georgs, Geburts- und Todesdatum sind darunter in einer schlichten Schrifttype eingeprägt. Ein Zitat von Augustinus findet sich auf der Rückseite:

„Der Tod, den die Menschen fürchten, ist die Trennung der Seele vom Körper. Den Tod aber, den die Menschen nicht fürchten, ist die Trennung von Gott.“