Franz Kafka

Münster, 17. Juni 2021

„Alles, selbst die Lüge, dient der Wahrheit; Schatten löschen die Sonne nicht aus“, bemerkte einst Franz Kafka. Dieses Zitat gibt Anlass zur Hoffnung, lässt uns hoffen, dass die Wahrheit immer ans Licht kommt, früher oder später. „Wahrheit“, das ist ein großes Wort, und doch ist sie definierbar. Es handelt sich wohl um ein intuitives Element im Inneren des Menschen, man könnte „Wahrheit“ mit dem sokratischen Daimonion in Verbindung bringen, einer Art moralischem Kompass, dem Gewissen. Jedem Menschen ist ein Gewissen zu eigen. Und jeder Mensch strebt nach Wahrheit, auf welche Weise auch immer. Eine metaphysische Komponente stellt das Gewissen dar, denn es zieht uns gefühlsmäßig in Richtung der transzendentalen Wahrheit. Der Mensch will gut sein. Denn nur dann ist er mit sich im Reinen; wenn er das Gute denkt, sagt und tut. Auf dem Weg dahin muss der Mensch begreifen, dass sogar Unwahrheiten dem Ziel dienen, wie Kafka es ausdrückt. Am Ende stehen wir vor der Summe unserer Gedanken, Worte und Taten. Dann wird vermutlich abgerechnet.

Kafka beschrieb im Schlusskapitel seines Romanfragments „Der Verschollene“, den Max Brod zunächst unter dem Titel „Amerika“ veröffentlichte, ein irrationales, skurriles Szenario, das „Welttheater von Oklahoma“. Der Protagonist Karl Roßmann, den ein großer Gerechtigkeitssinn auszeichnet, wird von Frauen in Engelskostümen und auch von als Teufel Verkleideten empfangen. Dieses „Welttheater“ symbolisiert das Reich des Todes, das jeden Menschen erwartet. Kafka lässt im Rahmen seiner Schilderung eine gewisse Beliebigkeit walten. Spielt es also am Ende gar keine Rolle, ob man gerecht lebte, oder nicht? Werden alle Ankömmlinge gleich behandelt? Oder wird eine Rechnung aufgemacht, hinsichtlich der Sünden und Verfehlungen? Bei Kafka bleibt diese Frage unbeantwortet. Und das ist beruhigend. Im Roman „Der Prozess“ findet der Dichter diesbezüglich folgende Formulierung: „Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere.“ Jeder Mensch tut, was er zu tun vermag. In uns ist das Streben nach dem Guten verankert, an dem wir uns orientieren. Das bleibt wenigstens zu hoffen.

Franz Kafka wurde am 3. Juli 1883 geboren und starb am 3. Juni 1924.