Gehen

Münster, 13. Januar 2021

Schneereste auf den Dächern und den Wiesen, die Luft ist eiskalt und klar. Ein Dohlenschwarm flattert aufgeregt in den Himmel. Davon abgesehen, herrscht absolute Ruhe. Selbst die herumtollenden Hunde halten sich zurück und ehren die Stille der Natur. Wolkenformationen ziehen über uns hinweg; wenn man lange genug hinsieht, so erkennt man Gesichter, Silhouetten, Bekanntes. Der tägliche Spaziergang klärt die Gedanken, regt das Denken neu an. Schritte auf einer vereisten Ackeroberfläche, vorbei an einem Bächlein flanieren wir stundenlang. Mit Musik in den Ohren, oder auch nicht.

Thomas Bernhard definiert das Gehen und ein dabei stattfindendes Zwiegespräch „über weite Strecken (als) eine Ausmessung des Wirkungsbereiches menschlichen Denkens, des Geistes und der Sprache“. Der österreichische Schriftsteller entdeckt einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der körperlichen und der geistigen Bewegung.

Einst waren Spaziergänge dem Adel vorbehalten, der in Muße lustwandelte. Zu diesem Zweck wurden Parkanlagen und Promenaden geschaffen. Im Bürgertum kam der Spaziergang im 18. Jahrhundert in Mode. Goethe spazierte im Frankfurter Stadtwald, wo später der Goetheturm errichtet wurde, und Schiller entfaltete in seiner „Elegie“ anhand des Beobachtens und Nachsinnens des bergauf Wandernden seine eigene Natur- und Geschichtsphilosophie. Robert Walser war ein begeisterter Spaziergänger, der im Rahmen seiner bevorzugten Tätigkeit ums Leben kam. Er wurde tot im Schneefeld gefunden, und so muss Walser glücklich gestorben sein.

In seiner Erzählung „Der Spaziergang“ schreibt Walser: „Ich teile mit, dass ich eines schönen Vormittags, ich weiß nicht mehr genau, um wieviel Uhr, da mich die Lust, einen Spaziergang zu machen, ankam, den Hut auf den Kopf setzte, das Schreib- oder Geisterzimmer verließ, die Treppe hinunterlief, um auf die Straße zu eilen.“

Tun wir es ihm also gleich…