Hölderlins Geist

Münster, 29. März 2021

Rötlich-gelbes Laub fällt von den Bäumen, die den Flusslauf des Neckars umgeben. Auf dem Wasser balancieren Erstsemester auf den für Tübingen typischen Stocherkähnen, sie halten Staken in den Händen und bewegen die Flachboote auf diese Weise fort. Es ist kühl geworden, ich streife meinen Pullover über, als ich am Evangelischen Stift ankomme. Hier werde ich die nächsten Tage übernachten, ganz in der Nähe des Hölderlin-Turms. 1536 stiftete Herzog Ulrich von Württemberg die in einem ehemaligen Augustinerkloster untergebrachte Einrichtung. Hegel studierte hier, und auch Hölderlin. Dessen Geist begleitet mich während meines Aufenthalts in Tübingen. Ich besuche Museen, Kirchen, den Botanischen Garten, Hölderlins Grab, flaniere am Flussufer des Neckar und fühle mich stets von der Seele des Dichters umfangen. Auf dem Grabstein des Genies finde ich die Verse:

„Im Heiligsten der Stürme

Falle zusammen meine Kerkerwand –

Und herrlicher und freier walle mein Geist

Ins unbekannte Land.“

In Tübingen ist Hölderlin allgegenwärtig, ich lese Stefan Zweigs Biografie über Hölderlin, Nietzsche und Kleist, „Der Kampf mit dem Dämon“. Darin wird der Ursprung von Hölderlins Genie, aber auch sein Kampf gegen die Krankheit beschrieben. Zweig fand mitfühlende, empathische Worte, die mich so sehr bewegen, dass ich nachts keinen Schlaf zu finden vermag. Im Garten, unter Apfelbäumen, lasse ich mich auf den Stufen nieder, starre auf die schwarze Oberfläche des stillen Neckars.

Dann huscht ein Licht über den Rasen. Eindeutig, ich sehe ein helles Licht, eine menschliche Silhouette. Das kann nicht sein, denke ich und reibe mir die Augenlider. Doch das Licht geistert nur wenige Meter von mir entfernt hin und her. Heute bin ich mir sicher, es muss Hölderlins Geist gewesen sein.

Der Dichter wurde am 20. März 1770 geboren, und über das Schicksal sagte er Folgendes:

„Wir sprechen von unsren Herzen, unserm Planen, als wären sie unser, und es ist doch eine fremde Gewalt, die uns herumwirft und ins Grab legt, wie es ihr gefällt, und von der wir nicht wissen, von wannen sie kommt noch wohin sie geht.“