Khalil Gibran

Münster, 17. April 2021

„Das Gestern ist nichts anderes als die Erinnerung von Heute und das Morgen der Traum von heute. Ist nicht die Zeit wie die Liebe, ungeteilt und ungezügelt? Lasst das Heute die Vergangenheit mit Erinnerung umschlingen und die Zukunft mit Sehnsucht.“

Am 10. April 2021 war der 90. Todestag des Dichters, Malers und Philosophen Khalil Gibran, der dafür bekannt ist, dass er orientalische Lehren, wie den Sufismus, mit westlichen Philosophien, wie dem Christentum, verknüpfte. Im Nordlibanon geboren, emigrierte Gibran 1895 mit seiner Mutter, Schwestern und dem Halbruder in die USA, nach Boston. Zurück im Libanon studierte er Kunst, Französisch, Arabisch sowie arabische Literatur. 1904 konnte Gibran erste Erfolge als Maler feiern und widmete sich in Paris einem Kunststudium. Auch mit der europäischen Literatur setzte er sich intensiv auseinander. Er gibt an, von Nietzsche und Blake beeinflusst worden zu sein. Nicht zu unterschätzen ist der Einfluss des syrischen Poeten Francis Marrash und des amerikanischen Autors Walt Whitman. Zeitlebens faszinierte Gibran der Mystizismus der Sufis, den er mit theosophischen Ideen und den Lehren Jungs in Verbindung setzte. Als maronitischer Christ wurde Gibran aufgezogen, doch er fühlte früh eine enge Verbundenheit zum Islam. Seine Gedichte und Aphorismen behandeln Themen wie Liebe, Tod, Glaube, Zeit und Gott. Nach eigenem Bekunden ging es Gibran darum, die Menschen im Herzen zu berühren.

„Die große Wahrheit, die die Natur erfüllt, wird nicht mittels der menschlichen Sprache von einem zum anderen weitergegeben. Die Wahrheit bevorzugt die Stille, um ihre Botschaft liebenden Seelen mitzuteilen.“

Sein Hauptwerk, „Der Prophet“, erschien 1923 und wurde von Gibran, der der symbolistischen Malerei nahestand, selbst illustriert. „Der Prophet“ weist Parallelen zu den Evangelien und Nietzsches „Also sprach Zarathustra“ auf, ist aber vom Pantheismus geprägt. Während Nietzsche Gott für tot erklärt, betrachtet Gibran Gott als höchstes Ziel. Nur in Gott können unsere Reflexionen zu einem Ende kommen, wie auch das Sein der Dinge. „Der Prophet“ wurde in vierzig Sprachen übersetzt und verhalf Gibran zu Kultstatus. In den 1960ern wurde das Buch zur „Bibel der New-Age-Bewegung“. Diese Tatsache führte wohl dazu, dass Gibran bis heute eine gewisse Seichtheit vorgeworfen wird. Zynisch gesinnte Kritiker bezeichnen seine Aphorismen als „Kalenderblattsprüche“. Davon unberührt bleibt Gibrans Werk, dessen Schönheit und Ästhetik für sich steht. Es wird die Jahrhunderte überdauern und immer wieder neue Generationen im Herzen berühren.