Beiträge von Jens-Philipp Gründler

And then a voice spoke to me and she said darkness is not the opposite of light but the absence of light and I thought, she knows what she´s talking about

Rezension zu „Alles steht still“

Alles steht still

Der neue Erzählband von Jens-Philipp Gründler


Eine Rezension von Rüdiger Heins


„Ihm selbst war es erst spät im Leben geglückt, Liebe zu empfinden“ Jens Philipp Gründlers Protagonist Herbert Sendemann – sein Name ist Programm, – sinniert in der Titelgeschichte „Alles steht still“ auf dem Sterbebett über sein Leben. Der Alt Kommunarde, dessen real existierendes Vorbild wohl der schillernde Münchner „Ex Kommunarde“ Rainer Langhans ist, tröstet seine Schüler, die sich um sein Sterbebett versammelt haben, mit Aphorismen und gelegentlich mit Haiku Gedichten aus „halbgeöffnetem Mund.“
Mit seinem bei EDITION MAYA erschienenen Erzählband, dessen Titel vermutlich auch auf die coronalen Ereignisse der Gegenwart anspielt, geht der Münsteraner Redakteur und Autor auf eine, wie ich meine, gründliche Spurensuche nach unentdeckten Geschichten, die sich literarisch aufbereitet, zu einem Zeitzeugnis entfalten.
Wer die journalistischen und literarischen Spuren des Jens-Philipp Gründlers kennt, wird feststellen, dass er neben präzisen Hintergrundinformationen immer auch Geschichten erzählt, denen es an Textdynamik und Spannungsebenen nicht mangelt. Daran mangelt es auch dem Alt 68er Sendemann nicht. Der Protagonist der Titelgeschichte, Herbert Sendemann, wird mit einer geradezu feingeschliffenen Präzision gezeichnet. Hier bildet Jens-Philipp Gründler die Figur des Langhans nach und transformiert sie nahtlos in die Figur Sendemanns (auch hier wiederum eine versteckte Anspielung: Aus Sensemann wird Sendemann)


Seine „geniale“ Schreibtechnik hat Gründler bereits in vielen Ausgaben des Literatur- und Kunstmagazins eXperimenta, bei dem er Redakteur ist, gezeigt. Mit fachlich fundierten Essays, besonders in seiner eigenen Musik Rubrik „Sound Voices“ ist er einem breiteren Publikum kein Unbekannter mehr.
Als Mitherausgeber des Corona-Tagebuches, das im November 2021 erschienen ist, publiziert er erstmalig mit seinem Erzählband bei EDITION MAYA.
Wenden wir uns einer anderen Erzählung Gründlers im zu. Etwa Janice, die aufgrund ihrer körperlichen Veränderung von ihren Mitschülerinnen stigmatisiert wurde. Janice nahm während der Sommerferien an Gewicht zu und hatte, was ihre ohnehin schon schwierige Lage noch verschärfte, im Gesicht mit Akne zu kämpfen. Die äußeren Anfeindungen ihrer Klassenkameraden – übrigens Gründler gendert nicht, das macht seine Erzählungen zu einem wohltemperierten Lesegenuss – trieben Janice immer tiefer in eine selbst erwählte Situation. Sie kreiert sich eine ureigene Welt, in der sie „im zarten Alter von vierzehn Jahren malte, dichtete, sang …“
Schließlich lädt keiner der Jungs sie zum High School Abschluss Ball ein. Dennoch darf Janice einer ihrer Gedichte vortragen. Gekonnt gelingt es dem Autor die Geschichte der Janice, die tragisch und komisch zu gleich ist, in Szene zu setzen.
Jens-Philipp Gründler ist mit seiner auktorialen Erzählperspektive in bester Gesellschaft von Autoren wie Paulo Coelho, Heinrich Böll oder Hermann Hesse.
Mit dem auktorialen Erzähler führt Gründler seine Leserschaft (bemerken Sie wie ich das Gendern umgehe?) Mühelos und mit einer literarischen Raffinesse durch die Textkulisse.
So auch in der Shortstory „Der Fischer von Chania.“ Hier gelingt dem Autor der Spagat von der auktorialen in die personale Perspektive zu switchen, die aus dem „Ich“ erzählt. Damit erzeugt er eine gewisse erzählerische Tiefe, die nach mehr verlangt. Oder wie es einer der Protagonisten Gründlers sagen würde: „Du kannst nur warten, bis …“


Jens-Philipp Gründler
Alles steht still
edition maya
978-3-930758-62-3
20 €

„Alles steht still“ ist erschienen!

In meinem Erzählband „Alles steht still“ sind Erzählungen versammelt, die sich um die Zwischenbereiche der menschlichen Existenz drehen. Es geht um metaphysische Grauzonen, wie Tod und Leben nach dem Tod, es geht um Unsterblichkeit und um rätselhafte Dinge, die im Zwielicht geschehen. In dem Erzählband, dessen Titel als Anspielung auf die Corona-Pandemie verstanden werden darf, versuche ich auf unterhaltsame Weise, das Unbegreifbare in Worte zu kleiden. Die Titelstory „Alles steht still“ erzählt etwa von einem gealterten Guru, der trotz jahrelanger Meditation und geistiger Übung die Angst vor dem Tode nicht zu überwinden vermag.

Weitere Infos:

EDITION MAYA, broschiert, 101 Seiten, ISBN 978-3-930758-62-3

eXperimenta (November 2021)

Die neue Ausgabe der „Experimenta“ ist erschienen und enthält ein Interview, das ich mit dem Soziologen Dr. Bernd Drücke führen durfte, sowie eine Rezension zum im Münsteraner Unrast-Verlag erschienenen Sammelband „Ich lehre euch Gedächtnis“. Beide Texte beziehen sich auf Paul Wulf, einen bekannten Antifaschisten und Kämpfer für Gerechtigkeit, der während des sog. Dritten Reichs zwangssterilisiert worden war. Paul Wulf hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert.

Hier der Link zum Online-Heft:

Alles steht still (Auszug aus der titelgebenden Story)

Hier ein Auszug aus der Titelstory meines Erzählbands „Alles steht still“:

In der Mystik gibt es keinen Fortschritt, denn alles steht still. Diesen Satz notierte Herbert Sendemann, bevor er sich dem Licht übereignete. Sendemann (…) war endlich im Jetzt angekommen, der permanenten Gegenwärtigkeit. Seine Schüler saßen an Sendemanns Bett, und er tröstete sie mit seinen Aphorismen. Ohne Erfolg hatte er ihnen beizubringen versucht, dass der Tod nicht existiert und dass wir ewig leben, insofern wir wahrhaftig und aufrichtig lieben. Ihm selbst war es erst spät im Leben geglückt, Liebe zu empfinden, Liebe und Mitleid für alle fühlenden Wesen. (…)

All die Bücher, die Meditationen, die Reisen nach Asien hatten nichts gebracht. Am Ende fand Sendemann heraus, dass es nicht um ewiges Leben ging, sondern darum, es ewig mit sich selbst auszuhalten. War er dafür bereit? Er wusste es nicht. Um sich bei seinen Freunden zu entschuldigen, hatte Sendemann sogar ein Buch geschrieben, in dem er sich bei ihnen bedankte und sich zu seiner Liebe zu ihnen bekannte. Indessen fühlte sich sein Herz immer kälter an, steinig wie ein Acker. Worum war es in den 1960ern gegangen? Um den Fortschritt, in Form einer Revolution. Konnte man die Geschichte der Menschheit als sukzessiven Fortschritt betrachten? Im Grunde war auf spiritueller Ebene alles gleichgeblieben. Es gab Gott, den Kosmos, die Liebe. An diese Faktoren musste man sich halten und sich in harter Selbstdisziplin üben, um schließlich Erleuchtung zu erfahren.“

Das Corona-Tagebuch erscheint!

In Zeiten der Corona-Krise führten die in diesem Band versammelten Autor*innen, Künstler*innen und Fotograf*innen ein außergewöhnliches Tagebuch, das sich aufgrund seiner Vielseitigkeit und Vielschichtigkeit von vergleichbaren Publikationen abhebt. Leser*innen werden bemerken, dass die pure Energie der Kreativität, die hinter diesen Texten, Gedichten, Bildern und Fotografien steckt, einzigartig ist und qualitativ äußerst hochwertige Ergebnisse zeitigt. Die Tagebucheinträge sind von individueller Verschiedenheit und reichen von sehr persönlichen, emotionalen bis hin zu eher nüchternen, sachlichen künstlerisch-literarischen Erzeugnissen. Genau diese Mischung lässt unser Corona-Tagebuch so spannend und m.E. sogar atemberaubend ausfallen. In diesem – glücklichen – Fall erzeugte der Lockdown also eine kreative Kraft, die im Bestfalle vielen Leser*innen ebenfalls eine solche übermittelt(e) und sie durch die Krise begleitet(e). Im März 2020, zu Beginn der Krise, initiierten Rüdiger Heins, Mitherausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift „Experimenta“, und ich dieses Projekt. Schon nach kurzer Zeit stießen viele Autor*innen und Künstler*innen dazu, um in täglicher Disziplin ihre Beiträge auf Facebook zu posten. Der vorliegende Band versammelt eine Auswahl dieser Posts, die sich über die Monate März 2020 bis Juli 2021 erstreckten. Genießt also dieses umfassende, positive Zeugnis aus den Zeiten der Pandemie!

Mit Beiträgen von:

Rüdiger Heins, Dr. Annette Rümmele, Jens-Philipp Gründler, Vinzenz Fengler, Isabella Lehmann, Henriette Tomasi, Anja von Wins, Helga Zumstein, Ilona Herres-Schiefer, Barbara Rossi, Ulrike Damm, Sigrid Hamann, Peter Reuter, Christian Sünderwald und Jürgen Fiege.