Alles steht still (Auszug aus der titelgebenden Story)

Hier ein Auszug aus der Titelstory meines Erzählbands „Alles steht still“:

In der Mystik gibt es keinen Fortschritt, denn alles steht still. Diesen Satz notierte Herbert Sendemann, bevor er sich dem Licht übereignete. Sendemann (…) war endlich im Jetzt angekommen, der permanenten Gegenwärtigkeit. Seine Schüler saßen an Sendemanns Bett, und er tröstete sie mit seinen Aphorismen. Ohne Erfolg hatte er ihnen beizubringen versucht, dass der Tod nicht existiert und dass wir ewig leben, insofern wir wahrhaftig und aufrichtig lieben. Ihm selbst war es erst spät im Leben geglückt, Liebe zu empfinden, Liebe und Mitleid für alle fühlenden Wesen. (…)

All die Bücher, die Meditationen, die Reisen nach Asien hatten nichts gebracht. Am Ende fand Sendemann heraus, dass es nicht um ewiges Leben ging, sondern darum, es ewig mit sich selbst auszuhalten. War er dafür bereit? Er wusste es nicht. Um sich bei seinen Freunden zu entschuldigen, hatte Sendemann sogar ein Buch geschrieben, in dem er sich bei ihnen bedankte und sich zu seiner Liebe zu ihnen bekannte. Indessen fühlte sich sein Herz immer kälter an, steinig wie ein Acker. Worum war es in den 1960ern gegangen? Um den Fortschritt, in Form einer Revolution. Konnte man die Geschichte der Menschheit als sukzessiven Fortschritt betrachten? Im Grunde war auf spiritueller Ebene alles gleichgeblieben. Es gab Gott, den Kosmos, die Liebe. An diese Faktoren musste man sich halten und sich in harter Selbstdisziplin üben, um schließlich Erleuchtung zu erfahren.“

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