Sprachspiele (Essay zu Freiheit, Kommunikation, Kultur und Zensur)

Mein Essay „Sprachspiele“ wird in der kommenden Ausgabe der Zeitschrift „Experimenta“ erscheinen:

Sprachspiele

„…wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Diese Bemerkung findet sich im Vorwort zum ersten Hauptwerk des Wiener Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein, dem berühmten Tractatus logico-philosophicus. Zudem, so Wittgenstein, bedeuten die Grenzen meiner Sprache auch die Grenzen meiner Welt. Im vorliegenden Essay soll es um den Zusammenhang zwischen (demokratischer) Meinungsfreiheit, Gerechtigkeit, Kommunikation und Kultur gehen. Zu diesem Anlass sei es erlaubt, Zitate aus Wittgensteins Abhandlung frei zu verwenden. Ihm ging es vor allem um eine analytische Definition der Sprache. Unsere Kommunikation sollte im Hinblick auf ihren mathematisch-logischen Kern reduziert und dahingehend untersucht werden. Schon der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) beschäftigte sich damit, wie man sprachliche Probleme auf naturwissenschaftlichem Wege – formal – lösen könnte. Dazu passend entwarf er eine Rechenmaschine. Diese als frühen Vorläufer der modernen Computer zu bezeichnen, würde wohl zu weit gehen. Dennoch wage ich zu behaupten, dass die KI, die in letzter Zeit auch im Mainstream en vogue geworden ist, in einer traditionellen Linie zu Leibniz´ Erfindung steht.

Es ergibt sich also die Frage: Werden wir unsere Probleme, insbesondere die politischen, aber auch die religiös motivierten, mithilfe einer Künstlichen Intelligenz zu bewältigen vermögen? Werden wir uns vermittels mathematisch-logizistischer Modelle auf einen universalen Sprach- und Verhaltensmodus, eine interkulturelle Ethik, einigen können, die weltweit Geltung haben würde? Der späte Wittgenstein, der einen Paradigma-Wechsel hinter sich gebracht hatte, erforschte die Sprache fortan aus ethnologischer, soziokultureller Perspektive. In den Philosophischen Untersuchungen widmete er sich sogenannten Sprachspielen, die einem komplexeren, kulturanthropologischen Kommunikationsmodell Rechnung trugen bzw. davon ausgingen.

Man könnte die Hypothese aufstellen, dass weder ein nüchternes, analytisches Vorgehen hinsichtlich sprachlicher, und damit auch politischer Verwirrungen allein zielführend sein wird. Aber ebenso wenig werden ausschließlich auf soziokommunikativen Studien fußende Lösungsansätze unsere interkulturellen Missverständnisse beseitigen können. Um sprachliche und also kulturelle sowie soziale Barrieren überwinden zu können bedarf es einer Metaebene, eines die Unterschiede nivellierenden, transzendentalen Speichers, an dem man sich zu orientieren vermag, wenn Schwierigkeiten auftreten. Wir benötigen eine umfassende, klar definierte Ethik, die einerseits dem Sprachmodell des frühen Wittgenstein folgt, i.e. dem analytisch-logizistischen Ansatz, und andererseits eine soziologische, kulturanthropologische Herangehensweise miteinbezieht. Für unsere Sprache und deren freiheitliche Verwendung bedeutet dies, dass weder aufoktroyierte Regelungen noch radikalen Denksystemen entspringende Beschneidungen sinnvoll sind. Vielmehr sind sie gefährlich, da diese totalitär anmutenden Vorgaben die Entwicklung der Sprache, für die die Kreativität unverzichtbar ist, mindern. In Bezug auf unsere Kommunikation sollten Toleranz, Offenheit und Freiheit herrschen, um Zensur jedweder Art und Weise zu vermeiden. Die Sprache entwickelt sich durch einen spielerischen Umgang mit ihr. Sie sollte jeglichen Lebensformen und -arten, religiös, ethnisch, kulturell, politisch, sexuell, geschlechtlich, eine Heimstatt bieten, aber nicht um den Preis von auf Ignoranz basierenden Einschränkungen.        

Dass unsere weltweiten Probleme, grausame, immer gnadenloser geführte und nicht mehr nachvollziehbare Kriege sowie humanitäre Krisen, anhand der intersubjektiven Verwendung von lösungsorientierten Sprachmodellen nicht verschwinden werden, mag sein. Dass diesbezügliche Versuche jedoch immer und immer wieder unternommen werden müssen, um das illusorisch Erscheinende, den (Welt-)Frieden sukzessive zu erreichen; diese Hoffnung sollten wir nicht aufgeben.   

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