Der Friede sei Weltmeister – Plädoyer für die Feindesliebe

Dieser Essay wurde in der Ausgabe No.6 unseres Magazins „literatur fetzen“ veröffentlicht.

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Der Friede sei Weltmeister

Ein Plädoyer für die Feindesliebe

In Paul Celans Gedicht Todesfuge, welches in den Jahren 1944 bis 1945 entstand, findet sich der berühmte und bedrückende Vers: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Seinerzeit, also nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts, wurde bekanntermaßen diskutiert, ob Kunst nach Auschwitz aus moralischen Erwägungen überhaupt noch erlaubt respektive pietätsvoll sein könne. „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“, bemerkte Theodor W. Adorno. Paul Celan glückte indessen, was von vielen als unsagbar betrachtet wurde: Er fand einen Weg, das unermessliche Grauen in Worte zu kleiden, in aufrüttelnde, uns in Mark und Bein erschütternde Verse.

Man möge es mir nachsehen, mich auf das ehrfurchtsgebietende Werk jenes großen Dichters zu beziehen, aber ich möchte einen Versuch unternehmen, in Anlehnung an das angeführte Zitat eine Verteidigung des Pazifismus zu verfassen. 

Zunächst wage ich es, die Frage zu stellen, ob es um unseren von Kriegen und Krisen heimgesuchten Globus tatsächlich so schlecht steht, oder ob nicht vielmehr die im Minutentakt stattfindende mediale Durchlauferhitzung ein derartiges Bild entstehen lässt. Harald Schmidt, früherer Late Night Talker, wies kürzlich in einem Interview darauf hin, dass es immer schon Kriege gegeben habe. Das ist zwar keine besonders neue oder originelle Erkenntnis, aber sie könnte uns dabei helfen, etwas gelassener, stoischer auf die Welt zu schauen. Auch die ersten Menschen haben aufeinander eingeschlagen und schließlich immer bessere Waffen entwickelt. Heutzutage ist die Waffenproduktion derartig verfeinert und auf monströse Weise gediehen, dass uns eingeredet wird, sie trüge zur Friedenssicherung bei. Frieden schaffen mit Waffengewalt oder durch angedrohte? Laut wird inzwischen selbst in Deutschland über eine Atombombe nachgedacht, wenn auch über eine „europäische“.

Die Abwärtsspirale der Blut- und Mordgier führt uns vor die Pforten von Gehenna. Ist jene Logik der prophylaktischen Drohkulissen etwa nicht pervertiert, sinnentleert und bestialisch? Hass nährt Hass. Immer und immer wieder beantworten wir den Hass, der uns entgegenschlägt, unsererseits mit Hass. Auf diese Weise wird niemals Frieden entstehen können. Unzählige Nutznießer profitieren davon, dass sie dem Tode zu Diensten sind, ihm ungeniert huldigen und Deals mit ihm aushandeln. Sie nehmen sich große Stücke von der aus grauer Asche gebackenen Torte und stoßen mit blutrotem Champagner auf ihre wirtschaftlichen Erfolge an. Salute!

Der Tod ist inzwischen Weltmeister geworden. Er lauert überall, holt sich Kinder, Frauen, Alte, Schwache, Kranke, aber auch die armen Kreaturen, die im Namen ihres Landes, ihrer Religion, ihrer fundamentalistischen Werte oder im Auftrag ihrer Regierung in die Schlacht ziehen müssen oder sogar – wollen.

Haben wir, hat die Welt denn nichts aus dem letzten großen Krieg gelernt? Aus der Ermordung von Millionen von Menschen? Der Tod ist immer noch ein Meister aus Deutschland, stehen wir doch auf Platz 4 des Rankings der internationalen Waffenexporteure. Hier werden die Maschinen, Automaten, die Apparaturen des Todes fabriziert. Er marschiert über Fließbänder und sorgt für prall gefüllte Geldbeutel bei seinen gewissenlosen Dienern. Wie ein Gigant expandierte das Nazi-Reich einst und stampfte mit seinen riesenhaften Füßen große Teile Europas nieder. Auch gegenwärtig erstarken Riesen, die ihre Landesgrenzen auszuweiten begehren.

Wie können wir sie stoppen? Liegt es überhaupt noch in unserer Macht, den allgemeinen Niedergang aufzuhalten? Oder haben wir keinerlei Einflussmöglichkeiten (mehr)? Wir sind nicht machtlos. Fangen wir bei uns selbst an. Besinnen wir uns auf grundlegende Werte, auf Menschenrechte. Unser schöner blauer Planet ist nicht verloren. Und wir Menschen sind es ebenso wenig. Wir müssen nur wieder lernen, unsere Betrachtungsweise zu verändern und einerseits das große Ganze im Auge zu behalten, während wir im Kleinen, in der Familie, im Freundeskreis, in der Nachbarschaft, bei der Arbeit damit beginnen, Veränderungen herbeizuführen, indem wir an das Menschliche im Menschen zu appellieren, das uns allen zu eigen und zutiefst eingeschrieben ist. Diese Hoffnung, nein, diese Überzeugung möchte ich nicht fahren lassen. Dies ist die Grundbedingung, die conditio sine qua non, ohne die gar nichts funktioniert.

Die Weltreligionen – und nicht nur die – teilen gewisse Werte, sind vereint in ihren Lehren über die Moral, die conditio humana. Zu unserem großen Glück existieren unveränderliche Wesensmerkmale hinsichtlich des menschlichen Daseins. Sie umfassen universelle Erfahrungen wie Geburt, Sterblichkeit, Verletzlichkeit, pluralistisches Zusammenleben und das Streben nach Sinn. Lassen wir es nicht zu, dass der Nihilismus, der Materialismus, das permanente Relativieren und Hinterfragen von Werten dazu führen, dass am Ende nichts von unserer Menschlichkeit übrigbleibt. Wir alle sehnen uns nach Frieden und danach geliebt zu werden. Wer diese Erfahrungen gemacht hat, gerade macht oder einst machen wird, dem wird deutlich mehr daran gelegen sein, dass wir als Brüder, Schwestern und als alles Dazwischenliegende zusammenleben. In Frieden. Dieser sich in der Welt ausbreitende, kann nur unserem inneren Frieden entstammen und man darf nicht müde werden, diese Tatsache hervorzuheben.

Im Namen Gottes wurde und wird getötet, gefoltert, unterdrückt. Das war so und ist immer noch so. Die Weltreligionen haben die friedlichen Lehren ihrer Stifter in ein enges Korsett geschnallt, so dass ihnen all die Regeln und Gesetze die Luft zum Atmen nehmen. Von Seiten der Kirche wurde Unschuldigen unermessliches Leid zugefügt. Führt man sich diese Tatsache vor Augen, ist die einzig logische Schlussfolgerung der Atheismus. Aber dennoch. Dennoch bieten die Glaubenslehren uns uralte, gangbare Wege an, die wir einschlagen können, um Liebe und Friede in uns zu aktivieren, zu fühlen, zu tragen und verbreiten zu können. Eine kindische Sichtweise? Und wenn schon!

So kritisch das Christentum betrachtet werden muss: Seine Lehren sind fundamental und universell gültig, überschneiden sie sich doch im Kern mit islamischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen, um nur einige zu nennen. Da ich mich aufgrund meiner Sozialisierung mit der christlichen Religion besser auskenne als in den anderen genannten, beziehe ich mich in erster Linie hierauf. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass ich die Bibel dem Koran, der Tora bzw. dem Tanach, dem Tripitaka, den Veden oder den Upanishaden vorziehe. Als Amateur auf dem Gebiet der Theologie will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wage aber zu behaupten, dass die Parallelen zwischen den heiligen Lehren auf der Hand liegen. Um dies zu erkennen, müssen wir nicht an Gott glauben. Wer indes als Atheist diese Lehren ablehnt, der folgt womöglich anderen Wertesystemen, bezieht sich auf die Naturwissenschaften oder die Kosmologie. In unseren Zeiten werden die Religionen für Kriege verantwortlich gemacht und dieses Argument, das zumindest auf die fundamentalistischen Auslegungen der Glaubenssysteme zutrifft, vergiftet all das Gute, die Werte und die zum Teil jahrtausendealte Ethik. Wir neigen dazu, alles in einen Topf zu werfen, pauschalisieren und scheren die althergebrachten Lehren über einen Kamm. Jedoch sollten wir genauer zuzuhören, bevor wir alles ablehnen, was uns nicht sofort behagt. Religiöse Menschen müssen sich dieser Tage alles Mögliche anhören, und ein hohes Maß an Toleranz beweisen. Es wird unsachgemäß gehetzt und gehasst. So mag es unzeitgemäß erscheinen, auf die grundlegendste Lehre Jesu Christi hinzuweisen, die er in der Bergpredigt äußerte:  

„Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem biete auch die andere dar“. (Matthäus 5,39)

„Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und bittet für die, welche euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.“ (Matthäus 5, 44-45)

Buddha (Siddhartha Gautama) formulierte es ähnlich:

„Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende, durch Freundschaft kommt Feindschaft zu Ende.“

Und auch im Koran findet sich eine vergleichbare Ermutigung:

„Nicht gleichen einander die gute Tat und die schlechte. Wehre ab mit der besseren! Da ist der, mit dem du in Feindschaft lebst, wie ein inniger Freund und Beistand.“ (Sure 41, Vers 34)

Im Talmud heißt es:

„Das Wesen der ganzen Tora ist in der Regel: Tu deinem Nächsten nicht an, was dir zuwider ist…“

Immanuel Kant fasste jene wesentlichen ethischen Kernsätze im kategorischen Imperativ zusammen:

„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“.

Indem wir auf derlei Maximen hinweisen, kann es vorkommen, dass wir es sind, die sich damit Feinde machen. In Zeiten des uneingeschränkten Regiments der sozialen Medien schlägt einem der ungefilterte Hass entgegen, von tollwütigen, cholerischen Hatern, die darauf bestehen, dass der Feind – ihr ganz persönlicher – zu Fall gebracht werden muss. Aber es sind nicht nur die offen auftretenden Hasser, sondern auch diejenigen, die sich in ein humanistisches Gewand kleiden und auf ihren Positionen beharren. Auch sie sind nicht in der Lage, über ihren begrenzten Horizont hinauszublicken. Sie wähnen sich im Recht und verbreiten ihren Abscheu unter dem Deckmantel der Freiheitsverteidigung. Ihr Wertesystem ist eng wie ein Nadelöhr und ihre vermeintliche Toleranz gleicht eine Schimäre.

Mit stolz geschwellter Brust treten sie selbstgerecht auf, um wieder und wieder die antiquierte Theodizee-Frage zu stellen. Warum Gott all das Grauen und Morden zulässt? Weil er dem Menschen den freien Willen gegeben hat. Darum. Was auf Erden geschieht, liegt in der Hand des Menschen. Steigern wir uns weiterhin in den Hass hinein, bleiben wir blind für die Liebe und den Frieden. Wenn wir daran glauben, kann uns die tiefe Überzeugung hinsichtlich der Existenz eines wie auch immer gearteten höheren Wesens, eines gütigen Wesens, stärken und vielleicht sogar retten. Moralisches Rückgrat beweisen aber auch Atheisten oder Agnostiker. Noch einmal: Wir müssen nicht an einen Gott glauben, denn die Menschenrechte sind allgemeingültig.

Möglicherweise gehen meine Ausführungen – oder Hoffnungen – an der Realität vorbei. Dennoch möchte ich weiterhin Fragen stellen dürfen: Gibt es irgendeine Legitimation dafür, dass man Milliarden und Abermilliarden in die Rüstung steckt, um die Tötung unschuldiger Zivilisten in Kauf zu nehmen, im Namen des Friedens? Wie sind diese Kriege zu rechtfertigen? Weshalb pumpt man die Gelder nicht in den Aufbau von krisengebeutelten Regionen, anstatt sie noch weiter zu zerstören? Eine naheliegende Antwort wäre: Der Krieg ist ein formidables Geschäft. Früher wurden noch hehre Ziele vorgeschoben, um Angriffe und Invasionen zu legitimieren. So erklärte etwa Ronald Reagan im Rahmen seiner Antrittsrede im Jahre 1981: „As for the enemies of freedom… we will not surrender for it, now or ever.” (Was die Feinde der Freiheit betrifft… wir werden uns nicht ergeben, jetzt oder jemals.) Die USA hatten lange ein Selbstverständnis als Friedens-, Freiheits- oder Demokratiebringer. Das stellte die moralische Basis für ihre Kriege dar. In unseren Zeiten scheinen die Gründe für Angriffskriege, wie in der Ukraine, irrational zu sein. Und in Washington hält ein kapriziöser, schwer einzuschätzender Möchtegern-Monarch die Zügel in den Händen. Sein „Kriegsminister“ trägt den Schlachtruf der Kreuzfahrer Deus vult als Tätowierung auf dem Bizeps. Allen Kapriolen zum Trotz stehen aber wohl wirtschaftliche Interessen im Vordergrund. Bodenschätze könnten ein Grund sein. Wird die Waffenproduktion angekurbelt, hat das selbstverständlich positive Auswirkungen auf die Wirtschaft. Im ersten Schritt zerbombt man eine Region, im zweiten hilft man dabei, die Trümmerwüste wiederaufzubauen. 

Die Gebote Jesu Christi aus der Bergpredigt gelten heutzutage als obsolet und nicht mehr nachvollziehbar. Wahrscheinlich waren sie das niemals. Viele würden argumentieren, dass man doch seinen Nächsten lieben, für ihn beten und ihm helfen solle – und auf keinem Fall dem Feind. Auf den ersten Blick leuchtet ein solches Argument ein, auf den zweiten greift es zu kurz. Dass wir unsere Freunde, die Familie und vielleicht auch die Nachbarn lieben, ist naheliegend und fordert von uns keine große ethische Leistung. Meditieren wir aber tief über jenes Mantra „Liebt eure Feinde“, kommen wir unter Umständen irgendwann an einen Punkt, an dem wir feststellen, dass es unsere Herzen und unsere Seelen sind, die uns allesamt vereinen. Der Funken der Liebe und des Friedens glimmt und fliegt von Mensch zu Mensch, sofern wir es zulassen. Ob er aber das verhärtete Innere jener engstirnigen Kriegstreiber, -herren und -damen zu erleuchten vermag? Ich weiß es nicht.