Uferzonen

Diese Story ist in der Ausgabe No.6 der „literatur fetzen“ (August 2026) erschienen, unter dem Thema „Strandgut“.

„Jede Line, die sich irgendein Idiot am Samstagabend in die Nase zieht, lässt den Leichenberg in Ecuador steigen“, sagt Dario zu mir, und stochert mit einem rotweiß gestreiften Strohhalm in seiner Margarita herum. Die mahlenden Geräusche der gecrushten Eiswürfel vermischen sich mit einem leisen, unverständlichen Gemurmel. An diesem lauen Aprilabend am Strand von El Hierro ist die Stimmung gut. Partygäste tanzen groovend zu Chillout-Klängen, die der mittelmäßige DJ auflegt. Wer hier, in einem Ferienressort für die europäische Mittelschicht, für Pauschaltouristen aufspielen muss, der kann es sich nicht erlauben, musikalisch aus der Reihe zu fallen. Also verhält sich der DJ unauffällig, wählt mit Bedacht unaufgeregte, harmlose Beats und Basslines, unter die er Melodien mit Ohrwurmpotential mixt. Dario zündet sich eine Marlboro Light an und hält mir die Schachtel hin. Ich lehne dankend ab. Es ist noch nicht allzu spät, etwa halb neun. Einige Kinder, darunter mein Sohn Gabriel, plantschen im hell beleuchteten Hotelpool.

„Gabe“, rufe ich, „Schlafenszeit!“

Zu meinem Erstaunen reagiert er sofort, was ich darauf zurückführe, dass er die Pubertät noch nicht erreicht hat. Das wird noch was geben, denke ich. Mit Gabriel verbringe ich zweieinhalb Wochen auf den Kanaren. Vater-Sohn-Zeit. Seine Mutter ist in Deutschland geblieben. Mit ihrem neuen Partner. Ich mag ihn nicht.

„Bin gleich wieder da“, sage ich zu Dario, den ich hier, im Beachclub kennengelernt habe. Er nickt und drückt die Kippe an einer Poolkachel aus.

Die atmosphärischen Klänge verhallen als Gabriel und ich im Foyer des Hotels ankommen. Die Sonne ist bereits untergegangen, aber mein Sohn, aufgeweckt und wissbegierig, hat etwas entdeckt. Etwas Schreckliches.

„Was ist los, Gabe?“

„Sieh nur dort, Dad, da, am Strand!“

Der neugierige Achtjährige zieht mich an der Hand durch das Foyer zum Hinterausgang. Am Ufer erblicken wir Silhouetten, menschliche Umrisse. Tanzende Schatten, die einem kleinen Fischerboot entsteigen.

„Sind das Geister?“, fragt mich mein Sohn.

Die Schatten – sind es Tote? – fassen sich an die Hände und helfen sich gegenseitig, das fragile Gefährt zu verlassen, um wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren. Wie lange waren sie unterwegs? Wochen? Monate? Gabriel lässt mir keine Wahl. Er zerrt mich zu den Geflüchteten. Hat sonst niemand Notiz von ihnen genommen? Zwei Kinder und ihre Mutter sacken im noch warmen Sand zusammen. Vollends erschöpft.

„Wir müssen ihnen helfen!“

Ich entdecke zwei ausgemergelte Körper, die von zwei nicht minder dürren Männern aus dem Rumpf des Bootes gehoben werden. Ein düsteres Leichenschiff. Zum Glück bekommt Gabriel nichts von dieser Szene mit, weil er Wasser und Brot aus der Hotelküche holt. Für die Halbtoten. Ich bin stolz auf mein Kind und unterstütze es mit vollen Kräften bei seiner Hilfsaktion, während sonst niemand bemerkt zu haben scheint, dass in unmittelbarer Nähe zur Beachparty Leichen und halbverhungerte Menschen auf dem vulkanischen Sand liegen. Haben die anderen Hotelgäste tatsächlich nichts mitbekommen? Zumindest das Personal müsste derlei Abläufe doch kennen. Schließlich landen hier beinahe täglich Geflüchtete in ihren maroden Booten.

Gabriel, am Ende seiner Kräfte, bringe ich ins Bett, wo er sofort einschläft. Keiner von uns beiden wird diesen Abend noch einmal erwähnen.

Da ich zu aufgewühlt bin, um mich vermittels der Lektüre von Aldous Huxley in den Schlaf zu wiegen, beschließe ich, noch einen Drink zu nehmen und gehe zur Bar. Hier treffe ich Dario, der einen Cuba Libre trinkt und mit dem Barkeeper flirtet. Auf dem TV-Monitor laufen gerade Nachrichten. CNN. Von einem epochalen Schlag gegen die mexikanischen Drogen-Kartelle ist die Rede. Dario bittet den Barkeeper, den Ton aufzudrehen.

„El Mencho“, kommentiert Dario, „sie haben der Hydra einen Kopf abgeschlagen, aber zwei wachsen sofort nach.“

Ahnungslos nicke ich, kippe meine Pina Colada hinunter und bette mich zur Ruhe. Am Tag darauf reisen Gabriel und ich ab.     

***

Mandy, meine geschiedene Frau und Mutter von Gabriel, lernte ich in Leipzig kennen, wo wir beide eine Ausbildung zum Klavierbauer absolvierten. Wir nahmen uns eine gemeinsame Wohnung in Grünau, in einem klassischen Plattenbau. Nach dem Abschluss der dreieinhalbjährigen Lehre bewarben wir uns erfolgreich bei der C. Bechstein Pianoforte Manufaktur in dem nahe der tschechischen Grenze gelegenen Örtchen Seifhennersdorf. Hier war mein Vater Veith zur Welt gekommen, im letzten Kriegsjahr 1944. Mit meiner Großmutter Heidrun hatte er hier seine Kindheit verbracht. Mein Großvater Rudolf war erst 1955 aus der Kriegsgefangenschaft aus der Sowjetunion zurückgekehrt. Vater und Sohn fremdelten, da Veith nicht mehr die Nummer eins im Hause war. Heidruns Aufmerksamkeit galt nun ihrem lange vermisst geglaubten Ehemann, mit dem sie einen weiteren Sohn bekam. Veith war fünfzehn Jahre alt, als sein kleiner Bruder Luis auf die Welt kam. Weil er es zuhause nicht mehr aushielt, begann Veith eine Lehre als Werkzeugmacher.

Mein Vater erzählte mir gelegentlich von den Familienurlauben im bei Wolgast, dem „Tor zur Insel Usedom“ gelegenen Trassenheide. Zu DDR-Zeiten gab es hier günstige Unterkünfte. In der Pension „Zum Bernsteinzimmer“ pflegte Heidrun in den Ferien ein Zimmer für sich, Veith und ihre Mutter Regina zu mieten. Von Seifhennersdorf fuhren sie mit dem Zug knapp acht Stunden. Veith stimmen die Erinnerungen an jene Ostsee-Ausflüge noch heute nostalgisch. Jedes Familienmitglied besitzt Teile eines faustgroßen Bernsteins, den Veith und seine Oma Regina im weißen Sand bei Trassenheide gefunden hatten. Dieser Stein hat eine besondere Bedeutung für unsere Familie, weil Regina und Veith ihn in jenem Jahr entdeckten, in dem mein Großvater aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Im Jahre 1955, im Rahmen der von Konrad Adenauer ausgehandelten Rückführung der „letzten Zehntausend“.

***

Mein Sohn Gabriel, der zu seinem Geburtstag einen kleinen Ring geschenkt bekam, in den ein Teil des Familien-Bernsteins eingearbeitet wurde, möchte immer mehr über unsere Herkunft erfahren. Also beschließe ich, mit ihm in den Sommerferien nach Usedom zu fahren, im Rahmen unserer Vater-Sohn-Zeit. Auf dem Beifahrersitz nimmt Gabriel stolz den aus fossilem Harz bestehenden, funkelnden Schmuckstein in Augenschein und vergleicht ihn mit meinem Ring.

„Wie alt mag der Stein wohl sein?“

„Hier, an der Ostsee, haben wir Baltischen Bernstein. Und der kann 40 bis 50 Millionen Jahre alt sein. Entstanden sind diese Steine im sogenannten Eozän, als sich die modernen Säugetierarten, Paarhufer etwa, überdurchschnittlich schnell entwickeln konnten.“

„Warum ist in deinem Stein so ein schwarzer Punkt, Dad?“

„Nun“, antworte ich meinem Sohn Gabriel, „dabei handelt es sich um einen Einschluss in Form einer winzigen Fliege. Insekten blieben im Harz von Bäumen kleben und wurden eingeschlossen. Aufgrund dieser Inklusen, wie sie im Fachjargon heißen, können Wissenschaftler Rückschlüsse auf die Entwicklung der Menschheit ziehen.“

Die Ferienwohnung „Zum Bernsteinzimmer“, wo mein Vater, seine Mutter und meine Urgroßmutter so glückliche Zeiten verlebt hatten, gibt es nicht mehr. Anstatt des schlichten, verklinkerten Gebäudes befindet sich hier, in unmittelbarer Nähe zur Promenade, ein trister und steril wirkender Neubau. Gabriel und ich begutachten und beziehen unsere Wohnung, um dann baden zu gehen.

„Dad“, sagt Gabriel, „ich finde meine Badehose nicht.“

„Hast du richtig nachgeschaut?“

„Ja.“

Wir suchen einen Souvenirladen auf und kaufen Gabriel Shorts, denn er lehnt eine herkömmliche Badehose kategorisch ab. Naht die Pubertät?

„Hey! Mann!“ Jemand knufft mich in die Seite und ich drehe mich perplex um. Dario steht vor mir.

„Was machst du denn hier?“

„Oh“, erwidert der Mittvierziger mit dem öligen Haar, „Urlaub… Urlaub, so wie ihr wohl auch, nicht wahr?“

Dario verhält sich seltsam. Er probiert eine Sonnenbrille aus und setzt sich einen Hut auf. Ich frage mich, was das soll. Vor dem Laden laufen zwei Polizisten vorbei, eine blonde Frau mit geflochtenem Pferdeschwanz und ihr muskulöser Kollege. Es kommt mir beinahe so vor, als versteckte sich Dario.

„Gehen wir etwas trinken?“, fragt er, um sich an Gabriel zu richten: „Willst du ein Eis?“

Mein Sohn, der intuitiv weiß, wen er mag und wem er nicht vertrauen kann, nickt bejahend, sieht aber nicht begeistert aus.

Dario trinkt einen Cappuccino, Gabriel und ich jeweils einen Sanften Engel. Weitere Beamte patrouillieren auf der Strandpromenade und wirken alarmbereit. Als die Blonde und der Muskelmann überraschend das Eiscafé betreten, verschwindet Dario auf der Toilette.

Die Staatsdiener schauen sich kurz um, verlassen das Café dann aber wieder. Ich kann nicht an mich halten und frage den Besitzer:

„Was ist hier los?“

In dem Moment kehrt Dario zurück an unseren Tisch. Er wirkt nervös und fingert mit fahrigen Handbewegungen eine Zigarette aus der Packung. Der junge Mann hinter der Theke zuckt nur mit den Schultern. Gerade so, als sei er eingeschüchtert worden.

„Okay“, wendet sich Dario an mich, „was willst du wissen?“

„Naja, weshalb laufen hier überall uniformierte Bewaffnete herum?“

„Oh, ja. Richtig.“ Dario wirft dem Cafébetreiber einen Blick zu. Warnt er ihn?

„Hier gibt es große Probleme mit Schmugglerbanden…“

„Ich verstehe nicht. Was denn für Schmuggler?“

„Nun“, erwidert Dario, „nachts nähern sie sich in kleinen Booten der Küste, um Drogenpäckchen abzuwerfen.“

„Drogen? Auf Usedom?“

„Genau. Kokain. Aus Südamerika.“

Ich habe ein ungutes Gefühl und auch mein Sohn Gabriel scheint sich unwohl zu fühlen. Dario hat etwas Unaufrichtiges an sich. Es kommt mir vor, als würde er uns mit jedem Wort belügen. Oder zumindest etwas vor uns verbergen.   

Gabriel blickt mich eindringlich an, also verabschiede ich mich von Dario.

„Wir sehen uns!“, sage ich, „wir sind ja noch eine Weile hier…“

„Klar. Klar, Mann. Ciao Gabriel!“ Er gibt meinem Sohn den High Five. Ein peinlicher Augenblick.

Von der Begegnung irritiert, gehen wir an den Strand, legen uns in den Sand und schwimmen in den Wellen. In der Abenddämmerung flanieren wir in die Richtung unserer Unterkunft. Wir halten die Augen auf, um Bernstein zu finden. Vergeblich.

Am nächsten Tag ist alles ruhig. Die Polizisten sind abgezogen. Auf einem Zeitungsständer vor dem Souvenirladen entdecke ich den Titel der BILD am Sonntag. Gabriel deutet auf das verpixelte Portraitfoto und ich nicke. Darunter die Headline: „Kokainfund – Schmugglerbande bei Trassenheide aufgeflogen!“